Schattensprünge - Leseprobe

Andreas Neeser, Schattensprünge, Auszug aus Kapitel 24:


Immer wenn ich zu ihr ging, nahm ich die U-Bahn. CLAPHAM NORTH. Der Zug war vollbesetzt. In den Gängen und vor den Türen standen dicht gedrängt Feierabendleute und Touristen. An müden Köpfen vorbei starrte ich zum Fenster hinaus. Auf der Scheibe sah ich dieselben Köpfe wieder – von vorne, von der Seite, von hinten. Ein properer Banker mit ausrasiertem Nacken. Das Profil mit Nasenring einer trendigen Schwarzen. Das fettige Akne-Gesicht eines pubertierenden Hip-Hoppers. Daneben: Wiederkehr, Schweiz. Manchmal wird einem merkwürdig zumute, wenn man sich selbst an einem fremden Ort sieht. War ich wirklich der unrasierte Typ mit Notizheft unter dem Arm? Daran war leider nicht zu zweifeln. Aber etwas war noch schlimmer. Ich sah aus wie ein Flüchtling.
Kennen gelernt hatte ich Janet vor vier Jahren Ein halbes Jahr London. Das waren noch Zeiten gewesen! – Sie war Zeichenlehrerin an einem der städtischen Colleges. Eine begabte Künstlerin, Malerin von Haus aus, aber auch Töpferin mit einer Vorliebe für spezielle Glasuren. Ziemlich bekannt für ihre abstrakten Landschaftslithographien. Mit neununddreissig sah sie jünger aus als manche Fünfundzwanzigjährige. Ihre Schönheit war von einer Natürlichkeit, die mich beeindruckte. Ein Körper, der nichts sein wollte als das, was er war. Janet war geschieden. In der Zeit, als ich bei ihr und Ratbag, dem schwarzen Kater, wohnte, war ihr Ex-Mann oft Abend füllendes Gesprächsthema.
Edouard, ein Belgier, hatte ihr noch am Hochzeitstag erklärt, dass er sie nur genommen habe, um einen englischen Pass zu kriegen. Geschäftsinteresse. Acht Tage nach der Heirat beschuldigte er sie erstmals, mit ihrem eigenen Vater zu schlafen. Da sie ihn betrüge, und, wie er vermute, nicht nur mit dem Vater, erlaube er sich, in Zukunft auch fremdzugehen. Das tat er dann auch ausgiebig, allerdings nicht, ohne ihre eheliche Treue rund um die Uhr zu überwachen oder überwachen zu lassen. Er werde dafür sorgen, dass ihr scheinheiliges Schlampengesicht eines schönen Tages in exakt sieben Teile zerschnitten werde. Er habe Freunde in der Nähe, die ihm diesen Dienst gerne und jederzeit erweisen würden. Janet ging nicht fremd; sie fürchtete sich sogar davor, allein einkaufen zu gehen. Sie gehöre ihm, betonte Edouard immer wieder. Der Ehevertrag gebe ihm das Recht, sie als seinen persönlichen Besitz zu betrachten und über sie zu verfügen. Dieses Recht übte er auch aus. Skrupellos wurde sie für seine Geschäfte und für seine sexuellen Bedürfnisse ausgenützt. Die erste Schwangerschaft, nach ein paar Ehemonaten, musste abgebrochen werden. Das ungeborene Leben war von Edouards wütenden Fusstritten zerstört worden. Noch heute macht sich Janet den Vorwurf, das zweite Kind selbst auf dem Gewissen zu haben. Weil sie mit Gewalt zum Beischlaf gezwungen worden war, sorgte sie ohne Edouards Wissen dafür, dass es vor dem Leben bewahrt blieb. Ihrem Kind hätte sie einen Menschen als Vater gewünscht. Fünf lange Jahre kämpfte sie darum, ihn loszuwerden. Er ging erst, nachdem sie ihn eingeklagt hatte. Vorsätzliche schwere Körperverletzung, Gefährdung des Lebens, wiederholte sexuelle Nötigung, Vergewaltigung in der Ehe. Die Liste war noch um einiges länger. Bloody Belgian bastard! Mit dem Fleischmesser hatte er sie sich gefügig machen wollen. Auf dem Küchenboden. Bis zur richterlichen Scheidung terrorisierte er sie auf jede erdenkliche Weise. Fingierte Morddrohungen. Geschmacksneutrale Psychopharmaka in der Frischmilch. Anonyme Telephonanrufe, über Monate hinweg. Doch Edouard erreichte das gütertrennungstechnisch wichtige Ziel nicht, sie zum Selbstmord zu treiben oder wenigstens in die psychiatrische Klinik zu bringen. Nach der Scheidung zog sie von Lewes, East Sussex, weg um im Londoner Bezirk Islington ganz von vorn zu beginnen Soweit dies möglich war. Das hübsche Terraced house hatte sie Edouard überlassen. Es war ihr nicht leicht gefallen, zumal sie es innen und aussen renoviert hatte – praktisch ohne fachmännische Hilfe. –
Janet ist eine starke Frau. Und es tut gut zu wissen, dass man jederzeit und gerade in Zeiten der Not bei jemandem unterkommen kann. Unmittelbar vor meiner Abreise habe ich sie angerufen. Ausnahmsweise ein kurzes Gespräch. Einen einzigen Satz habe ich ihr gesagt: «It's good to have friends.»
Natürlich wäre schreiben billiger; hohe Telefonrechnungen kann ich mir nämlich neben Wohnung und VW nicht leisten. Übersetzungen von zeitgenössischer englischer Kurzprosa, journalistische oder kunstgeschichtliche Arbeiten. Gelegenheitsjobs. Mehr schlecht als recht halte ich mich damit über Wasser. Trotzdem bezahle ich lieber ein paar Franken für ein Auslandgespräch, als unter absolut unannehmbaren Bedingungen einen Briefwechsel zu führen. –
Wiederkehr stand noch immer im Fenster. Wo stand ich? Vor exakt zwei Wochen hatte mich Janet bei sich aufgenommen, aber ich war noch nicht in England angekommen. Meistens war ich in Hartmanns Büro oder in Doris' Zimmer. Natürlich hatte ich Janet von ihr erzählt. Es war ihr gutes Recht zu erfahren, warum ich plötzlich vor ihrer Tür stand, sozusagen herangeschneit, mitten im Spätherbst. – Einer von uns zweien war vielleicht wirklich ein Flüchtling. Entweder der im Fenster oder ich selbst.
Während des neunzigminütigen Flugs nach Gatwick hatte ich eine Art Checklist für die Berichterstattung angefertigt. Das beige Hochglanzpapier der Fluggesellschaft war ein schlechter, dafür um so gediegenerer Ersatz gewesen für mein im Koffer verstautes Notizheft.


Come home from Doris's
Analysis of her dream
Drinks
Herberge (Roland, Werner – drinks)
Flat (think, nore drinks – decision to leave. Pack my things. – Beer.)
Sleep
9 am – departure of flight number KT 799


Nicht gerade viel war geblieben von einem Tag, den ich weitgehend mit hilflosen Versuchen zugebracht hatte, Doris aus dem Kopf zu schwemmen. Doch bei Janet war die Erinnerung zurückgekehrt; wie eine Flutwelle hatte sie mir jede Einzelheit wieder vor die Augen gespült. –
Seither war Doris für uns kein Thema. Ich wollte vergessen. Dabei konnte mir niemand helfen. Nur langsam hatte ich mich von Doris' jüngster Attacke erholt. Heute jedoch, im King and Queen's, war ich einen Moment lang zuversichtlich gewesen, mit dem Nahrungsmittelboykott endlich ernst machen zu können. Ich hatte geschrieben. Zum erstenmal, seit ich hier war.
LONDON BRIDGE, scherbelt es aus dem Lautsprecher. Ich schaue schräg gegenüber an die gewölbte Decke, wo der Übersichtsplan der London Underground aufgeklebt ist. Schwarz, Nor-thern line: Noch drei Stationen bis Angel Station. Mein Magen knurrt laut. Ich prüfe die Gesichter der Fahrgäste, die zunächst bei mir stehen. Hat es einer gehört? Seit meiner Kindheit bekomme ich jedesmal einen hochroten Kopf, wenn mein Magen in Gesellschaft knurrt. Ich spüre die Blutwärme, die sich in den Wangen ausbreitet. Bitte nicht! Hastig nehme ich das Notizheft unter dem Arm hervor und beuge mich unnötig tief darüber. Doch je mehr ich mich anstrenge, den roten Kopf zu vergessen, desto heisser wird mir. Jetzt sieht es bestimmt jeder! Ich wage nicht mehr, vom Heft aufzuschauen. Das habe ich wieder mal toll hingekriegt. Ausgerechnet in der vollgestopften U-Bahn! Wiederkehr, Schweiz, bekommt in London eine zündrote Birne! Steht sicher schon in den Evening News, die mein Nachbar liest. Ich hüte mich hinüberzuschielen. Ein Kind schreit. «Mummy! Man, mummy!» Ein Mädchen. Mitten im Gedränge. Durch die vier Männerbeine vor mir sehe ich sein kleines Gesicht. Und seine Hand; sie zeigt auf mich! Der kurze Zeigefinger trifft mich in der rechten Wange. «Look, man! Red!» grinst es und zeigt hemmungslos seine riesige Frontzahnlücke. Ich bin entlarvt. BANK. Mir bleibt nur die Flucht nach vorne, wenn ich nicht von diesem höchstens einen Käse hohen Rotznäschen blossgestellt werden will. Na warte! Ich hebe den Kopf und schaue suchend hinter mich. So gut ich kann, fülle ich meine Züge mit Ratlosigkeit und fixiere dann wieder die Kleine durch die vier Beine hindurch. Ein roter Mann? Hier ist keiner. Die Indianer leben jetzt alle in Reservaten. Die fahren nämlich nicht mit der U-Bahn. Keine Ahnung, wo du einen roten Mann gesehen hast. Frag ruhig deine Mammi. Die weiss das auch. Solche Dinge lernt man schon im Kindergarten. Die Kleine starrt mich fragend an. Meine Strategie scheint erfolgreich zu sein. Ja, Kopf schief halten, nachdenken. So ists gut; there's a good girl! So lange du denkst, redest du wenigstens kein dummes Zeug. MOORGATE. Noch eine Station muss ich sie hinhalten. Vielleicht lässt sie sich hypnotisieren! Aber in diesem Moment sieht sie zur Mutter auf. Auch gut. Mammi kann dir eine Geschichte erzählen. Kennst du die vom kleinen Mädchen und der Grossmutter? Nein? Die musst du dir unbedingt erzählen lassen. Dann weisst du nachher, was rot für eine Farbe ist. Rot wie das Käppchen. Nicht rot wie die Indianer. Mammi soll dir den Unterschied zwischen dem Rot von Little Red Riding Hood und dem von Winnetou erklären. – «Man red! Mummy!» Die Göre ist gerissener, als ich gedacht habe. So ist sie nicht zu überlisten. Ohne vom Notizheft aufzuschauen, kontrolliere ich mit der freien Hand die Kopftemperatur. Nah am Siedepunkt! Das Rot hat bestimmt schon einen Stich ins Bläuliche. Wenigstens scheint die Mutter auf meiner Seite zu sein; sie begreift überhaupt nichts. Schon zum drittenmal erklärt sie ihrem Töchterchen, dass ein Mann mit roten Hosen nicht ein roter Mann sei, sondern einfach ein ganz normaler Mann, der rote Hosen trage. Recht hat sie. Endlich jemand, der etwas von roten Männern versteht! Christ! Sind alle englischen Mütter so dumm? Als ob das kleine Ungeheuer meinen pickligen Hip-Hop-Nachbarn mit den gigantischen roten Jeans gemeint hätte! OLD STREET. Nein, ich steige nicht aus! Nicht wegen eines sadistischen kleinen Luders! Meinst du, ich flüchte, bloss weil das Magenknurren meine Blutzirkulation angeregt hat? – Oder soll ich doch? – Blitzschnell dränge ich die drei Frauen bei der Tür ziemlich unsanft zur Seite und springe aus dem Wagen. So schnell ich kann, renne ich auf der dicht bevölkerten Plattform zum hinteren Wageneingang und quetsche mich durch die bereits halb geschlossene Schiebetür. Die späte Frucht meiner bereits mit fünfzehn abgebrochenen Kunstturnerkarriere. Die Fahrgäste stehen hier nicht so dicht beisammen. Die Reihen haben sich unterwegs ungleichmässig gelichtet. – Dort vorne steht sie! Lehnt sich müde an Mammi. Ein entzückender kleiner Rücken! Erspart mir wenigstens den Anblick deiner hässlichen Zahnlücke! Ich setze mich auf einen freien Platz. Temperaturkontrolle: Wie gehabt. Alles normal. Mir ist wieder wohl in meiner Haut. Und ein Blick ins Fenster beim vorderen Eingang gibt mir das letzte bisschen Sicherheit zurück. Wiederkehr ist verschwunden.
Am liebsten hätte ich gleich mit dem Boykott begonnen. Aber allein. Gewiss hätte mich Janet noch länger beherbergt, vermutlich sogar liebend gern. Doch es war auch für sie besser, wenn ich sie verliess. Schon einmal hatte sie sich allzu sehr an mich gewöhnt. Ich brauchte Unabhängigkeit. Irgendeine bescheidene Wohngelegenheit. Und ich musste in Ruhe schreiben können. – Ein Flüchtling? Im Gegenteil: Ein Angekommener! Jetzt konnte ich mit der Arbeit beginnen. – Die Accomodation agencies waren um diese Zeit schon geschlossen. Also morgen, Janet musste ja zur Schule. ANGEL STATION. – Der Regen war stärker geworden. Vielleicht sollte ich mir wirklich einen Regenschirm leisten. Schnellen Schrittes bog ich in die Upper Street ein. Hoffentlich hatte Janet ein Paar trockene Hosen und frische Socken.

Lesungen

27. August 2020
Gottlieben, Literaturhaus Thurgau, Bodmannhaus, 20h.

9. September 2020
Hedingen ZH, Gemeindebibliothek, 20h.

12. September 2020
Wettingen, Hof im Kloster, 18.30h und 20h.
Andreas Neeser und das Stella Maris Orchestra in der Serenade «S wird nümme, wies nie gsi isch».
Kammermusik von Bach bis Mieg mit Mundarttexten von Andreas Neeser.

13. September 2020
Zofingen, OXIL, 17h.
Zusammen mit Christian Haller, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

22. September 2020
Luzern, Loge, 20h.
Mit Lisa Elsässer und Gisela Widmer.

26. September 2020
Bern, Schlachthaus Theater, ab 14h.
Soldarität mit Belarus

1.-4. Oktober 2020
Arosa, Mundartfestival

13. Oktober 2020
Suhr, Gemeindebibliothek, 19.30h.

21. Oktober 2020
Zürich, Karl der Grosse, 21h.
Das Wortlaut-Literaturfestival bei «Zürich liest».
Moderation: Gallus Frei-Tomic

22. Oktober 2020
Zürich, Quartierkultur Kreis 6, 20h.
Im Rahmen von «Zürich liest».

25. Oktober 2020
Wettingen, Aula Kantonsschule, 10.30h
Zusammen mit Claudia Storz, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

2. November 2020
Suhr, Leben Suhr, Gemeinschaftsraum Zopfmatte, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

8. November 2020
Birmenstorf, Gemeindehaus, 16h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

9. November 2020
Schöftland, Schloss, 20h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

10. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

12. November 2020
Luzern, Lesung im privaten Rahmen, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie 

13. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

 

 

5. Mai 2021
Zürich, Literaturfenster im Hottingersaal, 19.30h.

11. Mai 2021
Obersiggenthal, Gemeindesaal, 19.30h.

 
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