Fliegen, bis es schneit - Leseprobe

Andreas Neeser, Fliegen, bis es schneit, Auszug aus Kapitel 3:

Eine viel zu laute Stimme aus dem Lautsprecher meldete die zehnminütige Verspätung des Schnellzugs. Eine Stellwerkstörung, die Fahrgäste wurden um Verständnis gebeten. Ein Knacken markierte das Ende der Durchsage. Wer den Koffer bereits zum Bahnsteigrand bugsiert hatte, richtete sich wieder aufs Warten ein. Das Paar beim Ticketautomaten verlor sich ungehemmt im aufgeschobenen, aber, wie es den Anschein hatte, unwiderruflichen Abschied. Die junge Frau hing schwer an ihrem um zwei Köpfe größeren Freund, bog den Hals so weit nach hinten, dass ihr künstlich gelocktes Haar über den Rücken fiel. Er hielt sie eng um die Hüften, schob die freie Hand unters Shirt und fand ihre Brust, setzte mehrmals an und steckte dann die Zunge in ihren halboffenen Mund, als wäre es nicht zu spät, nicht dafür und nicht für alles. An der Anzeigetafel über ihren Köpfen waren die Koordinaten der Trennung abzulesen.

Isabelle wandte sich ab, so weit, dass die beiden nicht ganz aus ihrem Blickfeld verschwanden. Sie war immer wieder seltsam berührt, wenn sie halb freiwillig handfeste Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit mitverfolgte. Einerseits widerte sie so viel Hemmungslosigkeit an, andererseits lag in der obszönen Innigkeit, welche die Liebespaare alles vergessen ließ, eine Faszination, die sie daran hinderte, sofort wegzusehen. In den ersten Monaten ihrer Beziehung mit Simon hatten sie sich nicht selten im Freien geliebt, im Wald, auf einem Parkplatz, einer frisch gemähten Wiese, bis in den Spätherbst, und nie mussten sie sich wirklich darum sorgen, bei ihren zärtlichen Heimlichkeiten entdeckt zu werden. Im Gegensatz zu Simon hatte sie sich immer gewünscht, es anders zu tun, als die meisten anderen es taten. Der bloße Gedanke daran, dass sie ihr Spiel nicht im Schlafzimmer, sondern draußen trieben, versetzte sie in einen Zustand lustvoller Aufregung. Simon dagegen war jeder Nervenkitzel, der vermieden werden konnte, grundsätzlich zuwider, er nahm ihn aber billigend in Kauf, sofern er einem höheren Zweck diente, und als solchen schätzte er die Beziehung zu Isabelle fraglos ein. Er sträubte sich denn auch nur halbherzig gegen ihr wiederkehrendes Ansinnen, freute sich umso mehr an ihrem Glück und daran, dass es nicht nur unter diesen Rahmenbedingungen zu erreichen war. Nach und nach, ohne dass sie je darüber nachgedacht oder gesprochen hätten, hatte der Reiz sich denn auch erschöpft, und inzwischen war der Anblick verliebter junger Paare für Isabelle nicht mehr als ein lichter Reflex auf die Anfänge ihrer Liebe zu Simon.

Ihr schweifender Blick fiel auf den Mann mit silbern glänzendem Haar, der zwischen den Wartenden hin- und herging, einen schwarzen Koffer in der rechten Hand. Er besah sich die Reisenden auf dem Bahnsteig, nicht beiläufig, sondern mit kurzen, präzisen Blicken. Wann immer jemand die Treppe von der Unterführung heraufkam, wandte er den Kopf und schaute hin.

Für einige Augenblicke stand er ein paar Meter hinter Isabelle, verschob sich dann seitwärts, blieb wieder stehen, betrachtete sie, umrundete einen der Stahlträger, auf denen das ausladende Bahnsteigdach ruhte. Als er sich ihr näherte, summte er eine Melodie. Er blieb neben ihr stehen, stellte den Koffer hin, faltete den leichten Regenmantel doppelt der Länge nach und legte ihn sich über den angewinkelten Arm. Er musterte sie aus spitzem Winkel, unaufdringlich, aber hartnäckig. Seine Augen wanderten über ihren Körper, suchten dazwischen immer wieder vergebens ihren Blick.

Isabelle wusste genau, wer neben ihr stand, oder sie spürte es doch. Der Mann war ihr vorher schon aufgefallen, er war einer der ersten auf dem Bahnsteig gewesen. Solche Männer waren in Provinzorten kaum zu übersehen, das Welthaltige, was man auch immer darunter verstehen mochte, dieses nicht zu definierende Flair, das nichts mit Kleidung oder Aussehen zu tun hatte, hob solche Erscheinungen von den anderen Wartenden ab. Mehr als einmal, seit sie auf den Zug wartete, hatte sie sich nach dem Mann mit dem silbernen Haar umgeschaut, jedes Mal war er an einem anderen Ort gewesen, neben dem Abfalleimer, bei der Sitzbank, unter der Anzeigetafel. Er trug gutes Tuch und Krawatte, war nicht viel älter als vierzig, kräftig gebaut, wenn das auch unter dem frisch gebügelten Hemd nur zu erahnen war, und er hatte einen sonnengebräunten, gesunden Teint, wie er in keinem Solarium hinzubekommen war.

Man weiß ja nie bei uns.

Er hatte leise gesprochen, dann geräuschvoll gelächelt und mit der freien Hand auf den Regenmantel in seiner Armbeuge gewiesen. Die dunklen, kirschenfarbenen Augen blitzten, er lachte, ein offenes, helles Lachen.

Isabelle wandte sich nach ihm um, keckes Erstaunen im Gesicht.

Hätten Sie ihn nicht dabei – es würde regnen.

Es scherbelte im Lautsprecher, die Zugseinfahrt verzögerte sich um weitere fünf Minuten, die Ansage meldete Probleme mit einer Fahrleitung und entschuldigte sich im Namen der Schweizerischen Bundesbahnen.

Isabelle suchte in ihrer Handtasche, wusste nicht wonach. Dass es so einen hierher verschlägt, dachte sie. Er starrte vor sich auf den Boden, schob eine Kippe zur Seite, wischte noch einmal mit dem Fuß über den Asphalt, so dass die Kippe zum Bahnsteigrand rollte und in den Schotter fiel.

Sie – sind Sängerin.

Isabelle legte den Kopf schief, kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn.

Tut mir Leid.

An der Oper.

Wirklich nicht. Sie verwechseln mich.

Sie lachte jetzt, halb verlegen, halb amüsiert, und schüttelte heftig den Kopf.

Er drapierte den Mantel quer über den Koffer, wandte sich dann wieder Isabelle zu. Das Gewicht seines Körpers ruhte auf dem rechten Bein, das linke war lässig vorgestellt, der Fuß, an dem ein frisch polierter schwarzer Lederschuh glänzte, leicht nach außen gedreht. Dennoch stand er ausgesprochen aufrecht vor ihr, sein launiger Blick strich über Isabelles weißen Hals, verlor sich offenherzig in ihrem Dekolleté. Über seinem nach hinten geworfenen Haar war es elf Uhr vierzig, der rote Sekundenzeiger hüpfte auf halb.

Puccini, sagte er. Die Mimi haben Sie gesungen, letzten Oktober an der Zürcher Oper. Großartig. For-mi-da-bel. – Wenn Sie erlauben: Michael Obermeier. Ich spielte damals im Orchester. Flöte. Ich nehme es Ihnen nicht übel, dass Sie mich nicht wiedererkennen. Wir haben uns ein einziges Mal getroffen. Bei der letzten Probe vor der Premiere. An einem delikaten Ort. Mademoiselle Mimi hatte dasselbe dringende Bedürfnis wie ich.

Wie gesagt, Herr –

Obermeier. Ober wie Kellner und Meier wie Müller.

Ich singe nicht mal in der Badewanne. Und mein Mann ist mir dankbar dafür.

Isabelle spürte eine Enge im Hals, die sie schlucken ließ. Mit unüberhörbarem Nachdruck in der Stimme hatte sie auf Simon verwiesen, eine Strategie, die noch immer aufgegangen war und auch die unverfrorensten Verehrer hatte klein beigeben lassen. Sie schaute gezielt an ihm vorbei, an das obere Ende des Bahnsteigs, wo die Unterführung Dutzende Reisende verschluckte, die eben angekommen waren.

Sagen Sie, was Sie wollen. Ich habe es gespürt, ich wusste es, sagte Obermeier. Heute passiert es, irgendwo wartet dein Engel auf dich.

Na dann hoffen wir, er wird Ihnen begegnen.

Aber nein – er steht doch vor mir!

Isabelle lachte schallend. Ein spitzes Lachen, das im Rachen schmerzte.

Sie studierte mit aufgesetztem Interesse erst die Anzeigetafel, dann das junge Paar, das sich mit einem Mal wieder in ihrem Blickfeld befand. Die beiden hatten sich weiter ineinander verschlungen, die junge Frau leckte an den dunklen Brusthaaren ihres Partners, die aus dem halb offenen Hemd herauswuchsen. Die zwei dünnen Kabel, die aus den Ohren der Frau hingen, waren in der hinteren Gesäßtasche lose geerdet und schlackerten im Rhythmus einer unhörbaren Musik, die nichts anderes sein konnte als die Ouvertüre zur Sprachlosigkeit, auf die es sich frühzeitig einzustimmen galt.

Die Einfahrt des Intercity, fahrplanmäßige Abfahrt elf Uhr achtundzwanzig, wurde ausgerufen. Erste Klasse in den Sektoren A und D, Speisewagen Sektor C.

Sie glauben nicht an Schicksal?, sagte Obermeier.

Mein Zug, sagte Isabelle.

Sie deutete auf die aerodynamisch geschnittene Nase der Komposition, die stählern quietschend auf sie zu und an ihnen vorbeischoss, bis sie schließlich doch zum Stillstand kam.

Ohne sich umzudrehen, nahm Isabelle einen sportlichen, aber viel zu großen Satz auf die Eingangsplattform, als setzte sie an Land.

 

*

 

Isabelle zog den von der Treuhandgesellschaft erarbeiteten Vorvertrag und den Finanzierungsplan der Bank aus der Handtasche, legte die Dokumente neben sich auf den freien Sitzplatz. Ihren Hals zeichneten fleckige Rötungen. Sie schwitzte, hob beide Ellbogen seitlich an, dreimal, viermal, um etwas Luft unter die Achseln zu kriegen, wenn es auch heiße, abgeatmete Zugabteilluft war. Als die laue Kühlung ihr keine Linderung mehr war, richtete sie den Oberkörper gerade auf, dehnte das Kreuz und schüttelte sich.

Mehr aus Gewissenhaftigkeit denn aus einer Notwendigkeit heraus ging sie der Reihe nach noch einmal alle Punkte durch, formulierte für sich Antworten auf alle möglichen Tantehafragen, auch auf die, mit denen nicht zu rechnen war.

Sie erlauben?

Bitte, sagte Isabelle, ohne von ihren Akten aufzuschauen.

Der neue Fahrgast legte seine Reisesachen auf die Ablage über der Sitzbank und setzte sich ihr gegenüber. Er sank ins Polster wie einer, der angekommen war, gekommen, um zu bleiben.

Fast wären Sie mir davongeflogen.

Isabelles Puls setzte einen Herzschlag lang aus, dann spürte sie ihn unter der Schädeldecke.

Obermeier spreizte das linke Bein leicht ab, fächelte sich mit der Fahrkarte behelfsmäßig Luft zu. Die ältere Dame, neben die er sich gesetzt hatte, rückte unwillkürlich ein paar Zentimeter zur Seite, machte sich hinter ihrem Magazin so klein wie möglich. Obermeier beugte sich vor, winkelte die Beine an und stellte die Ellbogen auf die Knie. Ein paar Strähnen hingen ihm in die Stirn.

Isabelles Mund war ein Strich. Erst hatte sie daran gedacht, alles zusammenzupacken und zu gehen, freie Sitzplätze gab es mehr als genug, auch in anderen Waggons. Dann beschloss sie doch zu bleiben, dem schönen Spinner, wenigstens hielt sie Obermeier dafür, die Flausen auszutreiben. Allein sein Blick, fand sie, war es wert. Von Anfang an hatte sie etwas Abenteuerliches darin gesehen, etwas Verwegenes, Forderndes, das sie nicht benennen konnte, etwas jedenfalls, was akzentuiert wurde durch das silberne, seiden glänzende Haar. Wie ein Schneekönig war er ihr vorgekommen auf dem Gehsteig, voll absichtsloser Entschlossenheit, ein Schneekönig am 1. Mai.

Während sie sich in der unerwarteten Situation zurechtzufinden versuchte, dass der dreiste Unbekannte ihr unverfroren gegenübersaß, wo sie doch sogar umgestiegen war, stürzten in kurzen Abständen Strommasten, Lichtsignale in verschiedenen Farben am Fenster vorbei.

Was für ein Stück Himmel, sagte Obermeier. Ich habe gewusst, heute wirst du von oben beschenkt. Jetzt wird alles anders – auch für Sie.

Isabelle legte die Akten zur Seite und richtete sich auf. Sie blickte ihn an, streng und nachsichtig zugleich, wie eine Mutter das Kind, das nicht hören will.

Ich dachte, wir hätten unser Gespräch beendet. Weitere Geschenke gibt es jedenfalls nicht, weder vom Himmel noch von mir. Sie verstehen?

Obermeier hörte nicht, und er sah nicht. Jetzt, da er Isabelle gegenübersaß und sie keine Anstalten machte, sich ihm zu entziehen, schien sie für ihn gar nicht mehr da zu sein.

Sanfteste Züge, reinste Haut, Mimi, diese Sinnlichkeit, und, aber ja doch: was für ein Geschenk. Engel und Gazelle, diese Beine, und diese Krallen, Krällchen, rot wie warmes Blut – mein Gott!

Obermeier redete auf sie ein, leise, atemlos, die Augen streunten über ihren Körper und wussten nicht, was sie sahen. Isabelle hatte längst weggeschaut, blickte zum Fenster hinaus. Der Zug schien aus spitzem Winkel vorbeizuschrammen an einer konturlosen Wand von eng stehenden Hochstämmern.

Sie begriff, dass sie die Situation unterschätzt hatte. Was, dachte sie, wenn sie gerade dabei war, Teil einer der Geschichten zu werden, die sie nur vom Hörensagen kannte, aus Fernsehberichten oder Zeitungen. – Es war nur ein Gedanke gewesen, ein Sekundenbruchteil, ihn ungedacht zu denken war unmöglich. Sie versuchte wegzuhören, auszuharren, bis Obermeier leer war, alle Öffnungen dicht zu machen, damit er nicht jede ihrer Poren verstopfte. Es gelang ihr nicht, und sie spürte, wie die Beklemmung, die sie zwischen Hals und Brust spürte, etwas anderem Platz machte, von dem sie noch nicht wusste, was es war. Ihr war übel vor Ekel und Wut, sie versuchte aufzustehen, wollte das Abteil wechseln, oder den Wagen, fliehen, fliegen. Doch ihr Körper war taub, nichts regte sich. Mehr noch als diese Starre beunruhigte sie aber die Tatsache, dass sie nicht in der Lage war, etwas dagegen zu tun. Nicht einmal eine Stimme hatte sie, mit der sie ihn hätte zum Schweigen bringen können. Sie hatte annähernd Vergleichbares noch nie erlebt, wusste nicht, wie mit sich selbst umzugehen war, wenn der Körper mit einem Mal den Dienst versagte, den man immer für selbstverständlich gehalten hatte. Für den Moment blieb ihr nichts übrig, als der wachsenden Angst, die vor allem eine Angst vor sich selbst war, möglichst wenig Raum zu geben, sie mit der Hoffnung zu bekämpfen, der Spuk würde ein baldiges Ende nehmen. Mit aller Kraft schwieg sie gegen Obermeier an. Er schwitzte, sein Gesicht war vor Erregung rosa angelaufen, und er redete unbeirrt auf sie ein, monoton, in einer Stimmlage, die nicht zur stattlichen Erscheinung passen wollte.

Obermeiers zunehmend mit Obszönitäten durchsetzte Suada brach jäh ab, als sie in einen Tunnel einfuhren. Die Fensterscheiben wurden vom Luftdruck mit einem explosionsartigen Geräusch in ihre Fassungen gedrückt. Die alte Dame, vor Minuten schon eingenickt über ihrem bunten Magazin, schreckte auf, Obermeiers Gesicht spiegelte sich unvermittelt im Fensterglas. Der Mund war zusammengezogen von einem plötzlichen Schmerz, sein Atem ging schnell, oberflächlich, links und rechts der Nase zog sich eine tiefe Furche bis zum Kinn. Als er sich wieder gefasst hatte, schaute er Isabelle an als ein anderer, so lange, bis sie seinen Blick erwiderte.

Wenn es dunkel ist, sagte er. Wissen Sie, Mademoiselle Mimi, wie das ist? Umnachtet, rund um die Uhr. Madlen war eine wunderbare Frau, eine Mutter, wie ich sie mir gewünscht hatte für mein Kind.

Obermeier sank tiefer ins Polster, seinem Spiegelbild rannen Tropfen über die Schläfe, die glatt rasierte Wange. Die Ärzte in der Klinik, sagte er, hätten Madlen ruhiggestellt, ganzheitlich taub dämmere sie vor sich hin, Depressionen, die sich trotz regulierender Psychopharmaka ausgewachsen hätten, eingewachsen zu einem schweren psychotischen Schub. – In der Dunkelheit, sagte er, gibt es kein Du. Madlen kennt nicht mal mehr meinen Namen. Achtzehn Jahre glücklich verheiratet, und dann bist du für deine Partnerin nichts mehr als ein Schatten. Es gibt dich gar nicht mehr. – Ein trauriges Glück sei es, ein Glück immerhin, dass das Kind bei den Großeltern habe untergebracht werden können. Dort gehe es ihm gut. Einmal pro Woche fahre er in die Westschweiz, um Ben zu besuchen. Ein tapferer Junge; er werde das überstehen.

Obermeiers Blick durchdrang die Spiegelung des Fensters, verlor sich im Tunneldunkel. Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche, trocknete sich die Stirn, den Hals. Leicht sei es nicht, so viel aufs Mal auszuhalten, im Grunde hätte er weiß Gott mit sich selbst genug zu tun. Das Lungenkarzinom, trotz der Operation habe es Ableger gebildet. Spielen werde er dennoch, weiterspielen, gegen den Krebs, das könnten ihm die Ärzte nicht verbieten. Kämpfen, sagte er, um jeden Atemzug. Jeden Ton feiern wie einen Sieg. Jeden einzelnen Auftritt werde er genießen, sobald er wieder in der Lage sei aufzutreten.

Isabelle schaute ihn im Fenster an. Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte nichts. Sie wurde weich, das Mitleid begann alle anderen Gefühle zu überlagern, und doch verbat sie sich, es zuzulassen oder gar irgendeine Form von Anteilnahme an Obermeiers Schicksal zu zeigen. Aussitzen wollte sie die Situation, und ihr war klar, dass sie keine andere Wahl hatte.

Der Atem, stellen Sie sich vor, ein Flötist ohne Atem. Etwas sitzt in der Brust. So kann man nicht spielen. Wenn du den Atem verloren hast, ist es, als wäre da kein Platz mehr für dich, kein Platz mehr in dir selbst. Alles ist zu wenig, alles ist zu viel, und man selbst am meisten. Und doch ist da immer dieses Wissen jenseits von Logik und Verstand, das Wissen, dass alles neu wird, und es wird neu werden von innen.

Er legte eine Hand auf seinen Flötenkoffer, die andere streckte er aus, als gelte es, etwas Kostbares zu empfangen – dann war er vom Fenster verschwunden.

Das Tageslicht blendete.

Verstehen Sie, sagte er, ich habe immer dran geglaubt. Und heute ist die Heilung geschehen. Mein Engel ist leibhaftig geworden, und alles ist neu.

Er hielt die zu einem Gefäß geformte Hand noch immer ausgestreckt in der Luft. Isabelles Schulterblätter drückten gegen das Rückenpolster, ihr Körper war gefangen in schmerzhafter Anspannung, und es gab nichts, womit sie sich hätte helfen können. Obermeier fixierte sie, ein Blick, der den Fokus nach und nach verlor und sich ins Maßlose öffnete.

Das neue Leben, sagte er. Ein Leben mit Ihnen. Ich spüre, wie ich freier werde, frei, und der Raum geht auf, ich habe es gewusst. Jetzt ist alles, alles ist jetzt möglich. – Meine Liebe, welche Namen haben Engel? Nein, sagen Sie nichts!

Obermeier legte beide Hände um die zusammengepressten Knie, die langen, für Männerhände ausgesprochen filigranen Finger waren ausgestreckt, bewegten sich wie Tentakeln, unentschieden, wo das Spiel begann und wo es aufhörte, oder ob es überhaupt eines war.

Dorothea?

Als hätte sie den Namen als Kommando verstanden, als Befehl einer verborgenen Regie, klemmte die alte Dame ihre Zeitschrift unter den Arm und stand auf. Im Eingangsbereich wartete sie, bis der Zug im Stadtbahnhof einfuhr. Auch die vierköpfige Familie vom Abteil gegenüber hatte den Fahrgastraum bereits verlassen.

Mit einem Ruck und einer Drehung aus der Hüfte setzte sich Obermeier neben Isabelle. Sie zuckte, dann rührte sie sich nicht mehr. Sie saß im Polster wie ein Tier, hatte sich totgestellt. Ihr Kopf fühlte sich dumpf an, der Schmerz in den Gliedern wurde weniger, betäubt von allem, was der Körper gegen den Stress aufzubieten vermochte. Und sie spürte nichts mehr. Sie war geäderter Stein.

Mein Engel, flötete Obermeier, ich danke Ihnen.

Die erstaunliche, seiner männlichen Erscheinung wenig angemessene Helle war in die Stimme zurückgekehrt.

Da, schauen Sie – Pax. Leben.

Er wies mit dem ausgestreckten Arm über die unzähligen Gleise, die sich gegen den Stadtbahnhof in verwirrenden Mustern kreuzten. An einem der Industriegebäude prangte ein riesiges, trotz der beträchtlichen Distanz gut sichtbares Plakat. Pax. Leben. Isabelle beugte sich vor und zur Seite, versuchte, aus den Augenwinkeln zu entdecken, worauf er hingedeutet hatte, doch die Sicht auf das Gebäude war bereits von einem anderen Industriebau verdeckt.

Dieses glückliche Gesicht – haben Sie gesehen?, sagte Obermeier, schien sich aber nicht für ihre Antwort zu interessieren. Es ist nur ein Plakat, aber glauben Sie mir, so strahlt einer, der eine Versicherung abgeschlossen hat, auf Leben und Tod. Einer wie ich. Meine Liebe, sehen Sie, mein Leben – sind Sie! In Ihnen habe ich mich meiner neu versichert. Lesen Sie das Plakat als Urkunde, wenn Sie ihm irgendwo begegnen, denn Sie werden ihm begegnen. Meine Urkunde, wahr gewordene Sehnsucht. Pax, meine Liebe. Leben Sie, ich werde Sie begleiten.

Lesungen

5. Juni 2012
Stuttgart, Augustinum, 19h.

17. Juni 2012
Döttingen, Kulturtankstelle, 10.30h.

23.-30. Juni 2012
Medellin
, Kolumbien, Int. Poetry Festival.

26. Juni 2012
Santafé de Antioquia, Centro de Cultura, 17h.

28. Juni 2012
Bogotà, Schweizer Botschaft, 19h.

24. Juli 2012
Stuttgart, Schriftstellerhaus, 20h.

28. August 2012
Gmunden (A), Festwochen Gmunden, 19.30h.

13. September 2012
Frankfurt
, Hessisches Literaturforum, Mousonturm, 20 Uhr.

4. November 2012
Basel
, Visarte Region Basel, Projektraum M54, 11h.

5. November 2012
Schöftland
, Schöftler Woche, Schloss, 20h.

9. November 2012
Laas (I), Gemeindebibliothek, 20h.

24. November 2012
Feldkirch, Theater am Saumarkt, 18h.

6. Januar 2013
Brugg, Dampfschiff, 19h.
«Luftposcht», musikalische Mundart-Lesung mit Michel Erismann (Gesang, Piano) und anderen Musikern.

13. Januar 2013
Tegerfelden
, Weinbau- museum, 11h.

18. Januar 2013
Ürikon, Ritterhaus, Kapelle, 19.30h.

Diverses

21. Oktober 2012
Küttigen, Spittel, 17h.
Moderation Lesung Reinhold Bruder

 
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