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Goethe und der Staubbachfall. Notizen

1

Lauter Brunnen. Der Staubbach fällt nicht allein. Bestimmt hat sie einer mal gezählt. Fünfbrunnen, Sechsbrunnen. Zum Glück hat er irgendwann aufgehört.
Reines Wasser wird dito Dichtung. Wenn die Augen tränen.
Oder auch nicht.


2

Das tut weh. Vor allem nach so vielen Kilometern Baustellenverkehr. Da haben doch tatsächlich irgendwelche Patridioten eine riesige rotweisse Flagge vor die Felswand gehängt.
Die Schweiz hängt an zwei dünnen Fäden. Sie dreht sich trotzig im Wind. Nach rechts.
Und schämt sich kein bisschen.


3

Es wiehert unter der Haube. Die fünfundsiebzig Pferde haben Durst. Einen freien Parkplatz gibt es nicht. Lauter Brunnen und kein Wasser!
Auch der grosse Dichter ist damals auf einem «engen Wägelgen» hierhergeritten. Ohne Katalysator, dafür umweltfreundlich. Den grössten Teil der Strecke Unterseen-Lauterbrunnen hat er sogar zu Fuss zurückgelegt, bis er den «sehr erhabenen Gegenstand» vor sich sah: «Und es ist vor ihm wie bei allem grossen, so lang es Bild ist so weis man doch nicht recht was man will. Es lässt sich von ihm kein Bild machen, (...) aber wenn man drunter ist, wo man weder mehr Bilden noch beschreiben kann, dann ist man erst auf dem rechten Flek.» Er hats natürlich rausgefunden und ein Bild gemacht. Besser gesagt: einen bestehenden Entwurf angepasst und ausgearbeitet, auf der Anreise schon «ein eigen Papier geschrieben die Gegenstände darinn sind sehr erhaben aber proportionirter zu dem Begriff der menschlichen Seele als wie die gegen die wir näher rüken, gegen das übergrosse ist und bleibt man zu klein.»
Nachtrag 1: Was hätte der Dichter zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung gesagt?
Und wie hätte er fünfundsiebzig Pferde getränkt?
Nachtrag 2: Als die Welt noch ganz anders in Ordnung war, brauchten die Gäste keine Parkplätze und man kehrte beim Pfarrer ein. Heute liest der in den meisten Fällen nur noch halbherzig die Predigt und im «Oberland» kostet das Menü I mit Suppe und Dessert ohne Rahm einundzwanzig Franken fünfzig.


4

Der Staubbach springt tollkühn über den Felsvorsprung. Kein Tosen eben. Er schäumt und stäubt. Kein lauter Brunnen. Geschaut von einem mit durchdringendem Auge, dem Blick in die innerste Tiefe.
Deutscher Dichter, 30, attraktiv, dynamisch, männlich, geläutert, z.Z. auf Durchreise in der Schweiz, sucht Reinheit in sittlicher oder natürlicher Form zwecks definitiver Festigung des Charakters. Spätere Verdichtung des Gegenstands nicht ausgeschlossen. Ohne finanzielle Interessen. Angebote an: Geheimratsbüro Weimar. (Sekretär verlangen)
Wer sucht, der findet. Einen leisen Brunnen, lauter.
Verflüssigter Gott. Himmelswasser, ausgeschüttet auf Zeit.


5

Der Herr gibts und der Herr nimmts.
Aus einer Höhe von 816 Königsschuhen oder 900 Bernschuhen. Und ganz unten aus dem Brienzer See.
Seele des Menschen. Seit dem 14. Oktober 1779 lebensalterst du strophenweise.
Nachgeburtlich im freien Fall zuerst, du Kind. Leben in der Spielkiste. Ziehst dir schon am Morgen einen Trickfilm rein, machst dir vor der Glotze die Hosen voll. Fährst hemmungslos und ungehemmt auf Inline Skates durchs Shopping Center, drückst dir am Gameboy die Finger wund. Vielleicht.
Später schmeisst du mit Wasser gefüllte Kondome über den Pausenplatz und schreibst fünfhundert Mal: Ich darf keine mit Wasser gefüllten Kondome über den Pausenplatz schmeissen. Life is just a piece of shit, when you look at it. Das wohl nicht gerade. Aber bestimmt kein Kinderspiel mehr. Unter der Bettdecke, beim schwachen Licht der Taschenlampe, tauschst du feurige Küsse mit Kisha oder Nick von den Backstreet Boys. Der Vater nervt mit seinen Börsenzahlen, die Mutter hat Angst vor deiner ersten Liebe und lässt euch nicht allein in die Schlafsackferien fahren. Du strafst sie mit einem coolen Nasenpiercing. Beide. Trotzkopf.
Erst in der vierten Strophe bekommst du dein Leben in den Griff. Stehen bleiben nach den Jahren des Stürmens und Drängens, durchatmen, zurückschauen. Das war eine Jugend. Jetzt hat der propere Prokurist eine Frau und vielleicht zwei Mädchen und eines heisst Melanie. Die Sekretärin verlobt sich (nicht mit dem Chef) und wird nächstens und trotzdem befördert samt schlummerndem Kinderwunsch. Jedes Jahr einmal Sangria auf der dümpelnden Jacht vor Fuerteventura.
Göttliches Leben. Seele des Menschen. The rest is silence. Nicht ein Wort. Bis der Gott dich dir nimmt, auf verschlungenem Weg zurück.
Ewige Flaute auf dem Salzsee.
Was einmal ausgeleert ist, wird immer aufgesaugt.
u.s.w.


6

Der Mensch ist ein Spiegel. Göttlicher Reflex. Wie sollten wir die Sonne sehen können, wenn wir nicht selbst sonnenhaft wären?
«Läg' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt' uns Göttliches entzücken?»
Nachdenken. Ein Augenblick. Mehr nicht.


7

Wind kommt auf. Wolkenwellen am Himmel. Schicksal des Menschen. Antrieb und Wirbel von Grund auf. Man sollte sich den Wind zum Freund machen, fürs Leben – oder wenigstens für den Sonntagsturn im Segelboot, für den Drachenwettbewerb, fürs Skispringen. Vielleicht. Mit dem Wind Schicksal spielen.
Im Sturm aber, wenns ernst wird, zuerst eine knusprige Berner Rösti und einen Dreier Roten, dann dem vermeintlichen Ende den Anfangsmarsch blasen. Seele des Menschen. In den höchsten Tönen, mit Pauken und Trompeten. Reite auf den schäumenden Wellen, weiter, von Grund auf. Ein Gewitter auf Durchzug. Finde von neuem die Sonne.


8

Gott schöpft sich in weitesten Kreisen.
Der Mensch ist der Ausfluss und Einfluss.
Die Schweiz ein Quadrat.


9

Wozu braucht es Holländer, Deutsche und Spanier? Damit der Kurverein guten Gewissens eine Touri-Galerie in die Felswand hauen kann. Das ist noch lustiger als mit dem Auto am Wasserfall vorbeifahren und sich am Dorfausgang für die Strapazen des Kolonnenfahrens einen Big Mac gönnen.
Über die eiserne Brüstung der am Ende ausgeweiteten Galerie lehnen, tief einatmen und sich sanft von der Bachgischt bestäuben lassen. Seele des Menschen. Mitten drin statt nur dabei. Mierda, das Objektiv wird nass! Halbe Arbeit; zu einer rechten Galerie gehört eine Glasverkleidung. Zum Glück sprechen die Spanier so schnell. Zum Glück reden die Deutschen gar nicht.
Übelkeit.
Aber den Holländern gefällts. Schwer vorstellbar, doch es ist tatsächlich möglich, einen Zwillingskinderwagen an den Fuss des Staubbachhubels hochzustossen. Offroad-Feeling im Geröll zwischen lauter Brunnen. Goethseidank.


10

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Gott ist ein Geistersänger. Ein Rufer in der Wüste. Er ruft und das Licht kommt. Und der Bach stürzt sich über die Felswand.
Urquell aus dem Himmel.


11

Still bist du geworden, Prometheus. Hast dein Mütchen wohl gekühlt? Oder nur weiche Knie bekommen? Grosse Töne spucktest du einst.
«Bedecke deinen Himmel, Zeus,
mit Wolkendunst!»
«Ich kenne nichts Ärmer's
unter der Sonn' als euch Götter.»
«Ich dich ehren? Wofür?»
«Hier sitz' ich, forme Menschen
nach meinem Bilde,
ein Geschlecht, das mir gleich sei,
zu leiden, weinen,
geniessen und zu freuen sich,
und dein nicht zu achten,
wie ich.»
Grosse Worte. Und? Sind die «Knabenmorgenblütenträume» also doch geplatzt? – Immer dasselbe: Cherchez la femme! Vor allem bei den Dichtern. Beim Fürsten sowieso. Wer hat schon keine «Jugendblüte», die die Lebenssäfte rührt und das Genie kitzelt. Sie muss ja nicht unbedingt Lili heissen. (Nur bitte nicht Melanie.) «Holde süsse Liebe». Damit fällts – und stehts, vor allem. Ja, wenns zwickt, geht die Post ab. Dann stürmts, dann drängts.
Du und die «Natur» und deine «Nabelschnur».


12

Goethewürste hätte ich von der warmen Küche schon erwartet. Oder wenigstens einen Hauch von Geisterrösti. Statt dessen: Schniposa oder Chicken Nuggets mit Pommes Frites. Dann halt doch der Wurstsalat.
Gegenüber knetet ein spät gezündetes Powerblumenkind seine Rastazöpfe. Batikattrappe. Apfelstrudel.
Der Japaner unter der Linde äst in einem Salatteller. Am Zeigezeh links ist er beringt. Ein Briefjapaner in Willhelm-Tell-Sandalen. Nach dem Ethno- der Kulturtrip. Bald wirds dunkel. Dann im Nachtflug der Sonne entgegen, oder? Was heisst eigentlich Jungfrau auf Japanisch?
Die Rechnung bitte.


13

Ruhiger gehst du jetzt, Wandrer. Ein Schreiten, gemessenen Schrittes. Leise. Verstummt der «siegdurchglühter / Jünglinge Peitschenknall» und nicht mehr wälzt sich «wie vom Gebürg herab / Kieselwetter ins Tal.» Der Genius? Na ja. Das glühende Herz? Erkaltet? Erweicht! Von Stein! Cherchez Charlotte! Wo man sie findet, ist der Dichtergenius gereift, sittlich entschärft. Die Bombe tickt nicht mehr. Es bleibt die Erkenntnis: Das eigene Schöpfertum ist nicht unendlich. Wer sich über sich hinaus wagt und nach den Sternen greift, verliert den sicheren Stand. Ein Windstoss wäre tödlich. Schicksal des Menschen. «Ein kleiner Ring / begrenzt unser Leben.» Und nur in Gnadenaugenblicken wird er gesprengt.
«Wenn der uralte
heilige Vater
mit gelassener Hand
aus rollenden Wolken
segnende Blitze
über die Erde sät,
küss' ich den letzten
Saum seines Kleides,
kindliche Schauer
treu in der Brust.»
Himmlischer Strassenstaub an den Fingern. Mehr ist nicht drin. Dumm gelaufen, irgendwie, sagte Hans im Schneckenloch. Nur hat der nichts gelernt.
Lili und Ego.
Von Stein und Mensch.
Prometheus erwachsen. Ein Netter. Er formt jetzt brav sein bisschen Leben, so gut er kann, nach Herders Ideen von Humanität und vom Geist der Reinheit aus. Die neue Bescheidenheit als Ideal. Nur die Worte sind gross geblieben.
«Edel sei der Mensch,
hilfreich und gut!»
Natürlich.
Klassisch.


14

Der Weg hinab ist der Weg hinauf.
Reise erster Klasse mit Fensterplatz.
Endlosticket.


15

Jetzt regnet es in Strömen. Man sieht vor lauter Brunnen den Bach nicht mehr. Auf der Autobahn machen sie Radarkontrollen und arbeiten rund um die Uhr.

(Aargauer Zeitung, August 1999)