Sterne sind mehr als Druckermist

Gedanken zum Werk von Alexander Xaver Gwerder

«Land eines ganzen, goldenen Lebens. Heimat aus allen Heimaten der Welt, Gottes Land. Spanien der Seele. Rote, rote Häuser (...). Alles ist möglich. Und im Hintergrund das Gebirge aus Formen, längst bekannt und nie gekonnt. Aber jetzt, da doch alles möglich sein wird: In einem dieser Häuser muss mich die Fürstin erwarten.» – Gewissheit im Halbschlaf. Wenn man aufwacht, wird man aus tiefster Wirklichkeit auf den Boden des Traums zurückgeholt. Denn an der Realität der erträumten Heimat ist nicht zu zweifeln. Im Gegenteil: Was ist denn das, was man gemeinhin «zu Hause sein» nennt? Nichts als «die Fortsetzung der Strasse». Ein böser Traum, der nur auszuhalten ist, weil man weiss, dass man erwartet wird und auch erreicht, was einen allein erwartet.

Das Land, das der Ich-Erzähler in Alexander Xaver Gwerders Prosatext «Seelische Landschaft» in visionärer Schau als Wirklichkeit erfährt, ist kein beliebiges, sondern «Sehnland». Der Begriff ist absolut und beinhaltet nichts weniger als das «Leben im fremdher nicht Erreichbaren, im nur mir, jetzt und hier Möglichen: Im Schaffen, im Erschaffen, im Artefakt! Überstehen im schöpferischen Augenblick.» Dies ist das poetologische Programm des Dichters Gwerder. Über den Weg der Gefühle werden Kräfte frei, die den Blick vortreiben über das reale Objekt der Betrachtung hinaus ins wesenhaft Geschaute. «Meine Sehnerven schauen nicht bloss, sondern sie umklammern den Gegenstand, den ich anschaue, dringen in ihn ein, stossen sich und werden zertreten. Dieser Vorgang bringt die entsprechenden Gefühle in Aufruhr, und wenn sich diese stürmische See wieder glättet, entsteigt ihren Fluten, wie die Schaumgeborene, das entsprechende Wort für den Gegenstand.»

Der zitierte Tagebucheintrag aus dem Jahr 1950 veranschaulicht einen dichterischen Prozess, der in seiner Beharrlichkeit und schonungslosen Konsequenz bis zum Letzten insbesondere in Gwerders Gedichten beeindruckt. Anhand der Entstehungsgeschichte des Titelgedichts von Gwerders einzigem zu Lebzeiten veröffentlichten Lyrikband – «Blauer Eisenhut» (1951) – lässt sich dieser Prozess nachvollziehen. In einem Brief an Erwin Jaeckle, seinen einzigen literarischen Förderer und Chefredaktor der Tageszeitung «Die Tat», berichtet Gwerder, dass der Keim zum Gedicht «Blauer Eisenhut» sich ihm im Meiental ins Gemüt gelegt habe. Weit über den mageren Matten steht der Bergwanderer plötzlich «Aug in Aug mit dem königlichen Kämpen der hohen Flora». Im bewundernden Betrachten nun wird ihm der giftige Kämpe durch und durch zum Symbol: «seine tonlose Einsamkeit, sein Trotzen, seine Form und Farbe, sein Gift, seine Unberührbarkeit und schliesslich die verschiedenen und seltsamen Orte seines Vorkommens». – Im durchdringenden Blick des Dichters wird die Wirklichkeit also in gewissem Sinn aufgebrochen und unter dem Diktat der tiefsten Gefühle neu gestaltet. Zur «innersten Stund» wird der Weltausschnitt gleichsam überzogen mit einer neuen Haut, streicht der «Wind der Gesichte» durch die so sich verwandelnde Realität und offenbart dem Dichter das Eigentliche: «Diese einsame, jenseitige Grösse», oder – wie es in anderem Zusammenhang in «Gedichte» heisst – «der Landschaft köstliche Klarheit, / zahllose Gnade aus nichts wie aus Wahrheit.»

 

Sehnland. – Hier bläht der laue Wind «die Schlösser des Südens / in duft­geöffnetes Abendhaar, / und über die Grüne des süssen Ermüdens / verwundert der Tag sich, der ausser sich war.» Wenn es Wort wird, Welt, das schauende Fühlen, wenn sie sich auseinanderfalten, die «Traumblüten innerer Erhe­bungen», dann ist Sehnland erreicht. Oder Atlantis, das versunkene Inselreich, «irgendeins von jenen Orten, / die steigend, deutbar nur dem Eingeweihten, / ihr Wesen um den Schwan des Schönen horten». Oder der Beteigeuze, dieser hellste Stern im Orion, die «Insel mit Schweigen und Sang / der Ewigkeit endlicher Strand». Alle sind sie Metaphern für Gwerders Sehnsucht, sich von der Welt, wie sie ihn umgibt, ganz abzuwenden und lustvoll nur mit sich selbst zu beschäftigen. Aber – und hier zeigt sich die Problematik von Gwerders dichterischem Programm: Die «Flüge des Gefühls», welche Ausblicke von höherer Warte verschaffen und tiefere Einblicke ermöglichen, können nicht ewig dauern. Hoch im Norden dämmert zwar mit Vögeln «des Sternbilds Mass, / drin laut mein Herzschlag hämmert», aber es ist bedroht; und im nächsten Augenblick schon erlischt das «Gluten des Orion», zieht sich die magisch verklärte Szenerie vor dem Dichterblick zurück: «Die Fürsten der Krönung, Purpursäume, / zerfahren vergilbend im Wind; / versinken sanft in jene Räume, / die jenseits meiner sind.» Wieder vollzieht sich der Übergang von einer Wirklichkeit in die andere in der Bewegung des Windes; doch diesmal ist es ein anderer. Es ist der Wind von hier, der die Schau zerstört und dem Dichter die Macht der materiellen Wirklichkeit vor Augen führt – mit aller Gewalt, doch nicht gewaltsam, denn zu stark ist die Einbindung des Schauenden in den fordernden, gemeinen Alltag, als dass sie der Ernüchterung Aufschub gewähren könnte. – Diese Polarität gilt es auszuhalten. Ein fast übermenschlicher Anspruch. Tatsächlich zeichnet sich in dieser unheilvollen Konstellation auch das eigentliche Verhängnis des Dichters und Menschen Alexander Xaver Gwerder ab.

An dieser Stelle gilt es mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass Gwerder keineswegs der melancholische oder gar depressive, an sich und der Welt verzweifelnde elegische Lyriker ist, als der er allzu oft dargestellt worden ist. Vielmehr muss sein durch den selbst gewählten Tod offen eingestandenes Scheitern an der Aufgabe begründet werden mit seiner doppelten Heimat­losigkeit: Gwerder ist nicht nur ohne (bleibendes) Zuhause in Sehnland, sondern er steht, im drückenden Bewusstsein einer grossen Verlassenheit, allein am «öden Sandstrand brennender Fragen», die nur er selbst kennt «bis in die finstersten Falten ihrer Antworten». Gwerder ist aber auch obdachlos im Staat der «Fallenstellerin Helvetia», in dem man nicht in Ruhe gelassen, sondern «zu Idiotien gezwungen, schikaniert, erpresst und ständig bedroht» wird.

Der Kampf zwischen Anpassung und Auflehnung war von Anfang an nicht zu seinen Gunsten zu entscheiden, trotzdem hat er gekämpft, so lang seine Kräfte reichten, hoffnungslos dazwischen, im Packeis vor der Küste Sehnlands. Insbesondere diese andere, zu wenig beachtete Heimatlosigkeit, die Verlorenheit in der zwanghaft militarisierten Nachkriegsgesellschaft, hat wesentlich zum Zerbrechen des «Individualanarchisten» beigetragen. Unter dem Aspekt der Aporie des Dazwischenstehenden erscheint deshalb gerade der Freitod in einem anderen Licht.

Nur selten versucht Gwerder den Unmut über das Land zu zügeln, dem er sich vordergründig durch seine «unglückselige Geburt» verpflichtet fühlt – letztlich aber nicht einmal dadurch, da er «den Ort dieses Ereignisses nicht auswählen» durfte. Den Kulturbetrieb verschont er mit seinen Tiraden ebenso wenig wie das Militär, das den Rekrutenschüler 1942 derart traumatisiert hat, dass Gwerder noch ein Jahr vor seinem Tod, 1951, in einem Brief vom «grossen Schock meines Lebens» spricht. Eine Welt insgesamt, die aus Kulturschnorrern, Militär-Molöchern, Spiessern und Flaschen besteht, blinden Bäuchen aus Weisswurst und Bier – eine Welt vor allem, der er nichts entgegenzusetzen hat als die «Intensität» und «Unbedingtheit» seiner Verse. Dies allerdings tut er mit dem absoluten Anspruch des zum Dichter Berufenen.

Nichtsdestotrotz, und dennoch folgerichtig, kämpft der Zerrissene verbissen um öffentliche Anerkennung, die ihm wenigstens in Deutschland nicht ganz versagt bleibt, und immer schwankt er dabei zwischen verzweifelter Selbstüber­schätzung und hilflosem Zweifel. Aber selbst als sich die letzten Wegbegleiter entnervt von seiner verbalen Aufrührerei von ihm abwenden, gelingt es ihm nicht – wie sollte es auch! -, Weltanschauung und Dichtung von einander zu trennen oder wenigstens zu unterscheiden.

«Dreizehn Meter über der Strasse» – die Wendung findet sich mehrfach an zentraler Stelle in Gwerders Texten. Sie bezeichnet die Lage von Gwerders Balkon an der Brauerstrasse 110 in Zürich-Aussersihl; sie ist aber auch und vor allem zu verstehen als Bild für seine dichterische Existenz. Ein «seltsames Zwischenreich» wird der Balkon im Prosatext «Balance im Unwägbaren...» genannt, wobei das Wort «Balance» hinweist auf das «Doppelleben aus bestimmten Distanzen, streifenden Annäherungen und sicherer Geborgenheit.» Der Balkon ist der Ort, wo zugleich öffentliches und privates Leben stattfindet, wo man sich ebenso zeigen wie verborgen halten kann; nicht zuletzt der Ort auch, wo man daheim ist – und dennoch nicht zu Hause. Der Balkon erlaubt den Blick in die Ferne und in die Nähe; dreizehn Meter über der Strasse hat man beides im Auge: Himmel und Erde. «Dreizehn Meter über der Strasse», das befreit im gleichnamigen Text von der «verstockten Schwüle des Mitmachens» und gibt genug Selbständigkeit, gegen die Militärköpfe anzuschreien und sich über die Wut der «Sklaven» lustig zu machen. Und wenn die Sklaven «Individualanarchist» hinaufschreien? Man stellt sich einfach taub: «Was brauche ich so weit zu sinken? Erheben wir ruhig den Blick – (...) lassen wir die Kamine tanzen.» Und wirklich: Mit einem Mal jagen über die Dächer Worte heran. Wälder bieten sich, Wolken – und Figuren entstehen, immer neue.

Das Gedicht «Morgen in Aussersihl» fasst dieses Doppelleben als dichterische Existenz auf eindrückliche Art und Weise. Auch «Fremde Tränen» spricht in eindringlichen Bildern vom Hier und Dort: «Hier ein Balkon, ein Gesicht, geschmiegt / zwischen Gitter, Abschied -, und des Steines // graue Wucht im Hintergrund -, nun Flug, / Lust zu Neuem: Wälder, dreizehn Meter / über Strassen, wo die Winde klug // nisten im Erinnern (...)» – so lange wenigstens, bis der Balkon wieder das wird, was er schon immer war: das «heimliche Gebiet des halbhoch Verschollenen». Vom Dichter, der sich in hoffnungsloser Lage in der Obdachlosigkeit des Dazwischenseins verborgen hält, bleibt nichts als die Stimme, verzweifelnd zwischen Himmel und Erde. Und mehr sich selbst als uns ruft sie trotzig zu: «Sterne sind mehr als Druckermist / und wir sollten mehr sein als Traum.»

(in: Der Bund, Februar 1999)

Lesungen

27. August 2020
Gottlieben, Literaturhaus Thurgau, Bodmannhaus, 20h.

9. September 2020
Hedingen ZH, Gemeindebibliothek, 20h.

12. September 2020
Wettingen, Hof im Kloster, 18.30h und 20h.
Andreas Neeser und das Stella Maris Orchestra in der Serenade «S wird nümme, wies nie gsi isch».
Kammermusik von Bach bis Mieg mit Mundarttexten von Andreas Neeser.

13. September 2020
Zofingen, OXIL, 17h.
Zusammen mit Christian Haller, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

22. September 2020
Luzern, Loge, 20h.
Mit Lisa Elsässer und Gisela Widmer.

26. September 2020
Bern, Schlachthaus Theater, ab 14h.
Soldarität mit Belarus

1.-4. Oktober 2020
Arosa, Mundartfestival

13. Oktober 2020
Suhr, Gemeindebibliothek, 19.30h.

21. Oktober 2020
Zürich, Karl der Grosse, 21h.
Das Wortlaut-Literaturfestival bei «Zürich liest».
Moderation: Gallus Frei-Tomic

22. Oktober 2020
Zürich, Quartierkultur Kreis 6, 20h.
Im Rahmen von «Zürich liest».

25. Oktober 2020
Wettingen, Aula Kantonsschule, 10.30h
Zusammen mit Claudia Storz, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

2. November 2020
Suhr, Leben Suhr, Gemeinschaftsraum Zopfmatte, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

8. November 2020
Birmenstorf, Gemeindehaus, 16h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

9. November 2020
Schöftland, Schloss, 20h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

10. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

12. November 2020
Luzern, Lesung im privaten Rahmen, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie 

13. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

 

 

5. Mai 2021
Zürich, Literaturfenster im Hottingersaal, 19.30h.

11. Mai 2021
Obersiggenthal, Gemeindesaal, 19.30h.

 
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