Konjunktionen. Verstehen als Zustand

Gedanken zu Matthias Dieterles «Quartinen der Vergeblichkeit oder Tetrapackungen auf Zeit»

Genau erinnere ich mich nicht. Es muss im vierten oder fünften Semester des Studiums gewesen sein. Ich hatte mich eingeschrieben für ein Seminar über die Symbolik der Farben bei Georg Trakl. Mit diffusem, von Woche zu Woche wachsendem Unbehagen besuchte ich die Veranstaltungen. Trakls Farbsymbolik war offenbar nicht zu greifen, nicht zu erklären, denn die Seminarstunden waren ein einziges hermeneutisches Mutmassen, jeder Interpretationsversuch wurde umgehend relativiert, wenn nicht verworfen. Die professorale Verwendung von Formeln wie allenfalls, obwohl, möglicherweise, wenn auch, eventuell, wobei hatten mir gegen Mitte des Semesters Trakls Farben derart verschleiert, um nicht zu sagen verschmiert, dass ich an einem der universitären Donnerstage aus einem Impuls heraus aufstand und den Seminarraum wortlos verliess. Ich hatte damals beschlossen, ein Recht auf literaturwissenschaftliches Nichtverstehen zu haben und dieses auch in Anspruch zu nehmen. Es geschah Sonderbares, während ich zu Hause beharrlich, aber entspannt, weiterlas in meinem Trakl. War seinen Farben mit dem Verstand nicht beizukommen (wie hätte mein Studentenverständchen hinreichen sollen, wenn sich nicht einmal die Trakl-Forscher einen Reim auf seine Farbsymbolik zu machen imstande waren), so stellte sich mit der Zeit unverhofft und unbeabsichtigt eine andere Art von Verstehen ein. Während ich las, befand ich mich in einem Zustand absichtslosen, stillen, irgendwie allem entrückten Seins zwischen dem Text und der Vielzahl von Bedeutungen, die er mir anbot. In diesen einsamen Stunden erlebte ich das geheimnisvolle, intentionslose Verstehen, das ich mir bei Eintritt ins Gymnasium aus irgendwelchen abstrusen Selbstansprüchen heraus verboten hatte. Was ich nun auf beglückende Weise wieder und ganz neu erlebte, war so etwas wie Verstehen als Zustand.
Bei der Lektüre von Matthias Dieterles furiosem, rauschhaftem Gedichtzyklus «Quartinen der Vergeblichkeit oder Tetrapackungen auf Zeit», der 1998 entstand und über vier weit auseinanderliegende Überarbeitungsprozesse in die heute Abend vorgetragene Form fand, wurde ich schon bei den ersten Zeilen an die eben geschilderte Trakl-Erfahrung erinnert. Dass Dieterles Gedichtzyklus – eine Folge von 10 aus vierzeiligen Strophen bestehenden Gedichten über das Wesen von Sprache und Musik – zu intuitivem Verstehen einlädt, ist das eine; dass es neben vielem anderem wesentlich über das Verstehen als Zustand spricht, ist das andere – und das eigentlich Bemerkenswerte.
«Gedicht zur Zeitenwende 2000» heisst es im Untertitel. Und in der Zeitenwende, in der «Generalpause der Zwischenjahrtausendstille» liegt denn auch der Schlüssel zum Verstehen im doppelten Sinn. Zwischen den Jahren, zwischen den Jahrtausenden, ist die Zeit ausgesetzt, die unerbittliche Zielgerichtetheit des «Alphabets der Töne», das entlang von Leid- und Leittönen auf einen Finalton zielt, für einen Augenblick aufgehoben. Im Hiatus zwischen Nichtmehr und Nochnicht, in einem «taktlosen Sekundenjetztzeitjetzt» gibt es weder Zeit noch Bewegung, weder Wort noch Klang, sondern nur tonlose Leere. Wer sie erfährt (und erträgt), der findet durch die Stille und in ihr zu einer gewissermassen aus der Pause geborenen Existenz: «Die Stille die Stille die Stille – der vollkommen gesetzte Satz, der tonlos Subjekt und Objekt durchs TonalVerb „Stille“ vertont – mich aber erschweigt». – In einer tonlosen Setzung Erschwiegene also sind wir, Fleisch gewordene Stille, sozusagen, zwischen den Zeiten, ausserhalb des Nacheinanders. Keine Satzfolgen, keine Klanggebilde füllen uns aus, sondern, in prekärster Lage, eine buchstäblich existenzielle Stille. Was wir sind, was in uns klingt, ist die «Leersaite: die leergestrichene Leere». – Eine gemütliche Situation ist das wahrlich nicht, lauter beseelte Stille zu sein zwischen gestern und morgen, zwischen «Aberleben» und «Abertod». Es braucht Mut, sich einzugestehen: Das bin ich. Mehr bin ich nicht. Ich tröste mich nicht mit einem verklärten Blick zurück und nicht mit der billigen Hoffnung auf eine Sehnsuchtsmelodie. Diese Seinsform in der zwischen- und ausserzeitlichen Stille, die «Zweitonschwebe», aber ist unabdingbare Voraussetzung für das Verstehen, von dem Matthias Dieterles Gedicht spricht und das ich damals als Student wiederentdeckt hatte. Erst wenn wir befreit sind vom Hören nämlich – vom Hörenwollen ebenso wie vom Hörenkönnen –, wird für uns die «Klanginnengestalt» von Tönen wahrnehmbar. Wenn wir befreit sind vom Sehen, erkennen wir die Innenhaut der Wörter. Dann vielleicht gelingt es uns, nichts als Atem zu sein im Dazwischen – und bereit für das Verstehen.
So war das damals, während meiner Studienzeit, so weit hatte ich es, ganz unakademisch, gebracht. Und so erging es mir neulich wieder mit Matthias Dieterle Gedichtzyklus. Doch erst jetzt eben weiss ich, wie das Verstehen zustandekommt, dieses absichtslose, keinerlei Ansprüche stellende und für alles offene Verstehen aus der Stille: Ein aus der Zeitenwende Erschwiegener steht nicht nur zwischen dem Gestern und dem Morgen, sondern, als Lesender, auch zwischen dem Text und seiner Bedeutung, als Hörender zwischen der Musik und ihrem Angebot an Aussage. In Dieterles «Quartinen der Vergeblichkeit» ist das anschaulich gemacht durch die auffallend häufige Verwendung des Bindeworts «und». Die Konjunktion verbindet nicht nur gereihte Inhaltselemente miteinander, sondern fungiert auch als Scharnier zwischen scheinbaren Gegensätzen, die so miteinander versöhnt und auf eine Metaebene transponiert werden. Eine ganz andere und vor allem überaus erstaunliche Dynamik erhält die Konjunktion «und» als Wortsuffix wie etwa in «Tonund» oder «monochoralmonotonalund» oder als Präfix von Wörtern wie «undhören», «undnichtnur» oder «undvergeblichgegeben». Hier provoziert die ungrammatische Verwendung des Wörtchens «und» einen fordernden Gestus, den unartikulierten Ruf nach mehr. Es ist kein Ruf nach einem Komplement, nach einer Ergänzung, die eine wie auch immer geartete Balance herstellen sollte; es ist vielmehr eine ins Offene gesprochene Forderung, die zugleich Bedeutung trägt und verlangt.
Die Stille also und die Qualität des «und». Ohne diese Qualität, die vollkommen offene Forderung von einem, der dazwischen steht und in der tonlosen Leere des Augenblicks alles das ist, was ihn von den Polen der Welt und seiner Existenz trennt, ohne diese Und-Qualität ist Verstehen nicht möglich. Werden wir aber zur Konjunktion, irgendwo zwischen «Diesseitstongeräusch» und «Jenseitstonmelodie», mit allem, was sie ausmacht, werden wir zum sinnfordernden, unvoreingenommenen «und», dann werden wir nicht hören, sondern undhören, nicht lesen, sondern lesenund. Und es funktioniert, wie es damals funktionierte, als ich mich für meinen ganz persönlichen Trakl entschied, wie es bei der Lektüre von Matthias Dieterles Gedichtzyklus funktionierte.
So zu verstehen ist, wenn nicht beglückend, so doch versöhnlich. Verstehen als und aus der Stille. Nicht das Verstehen, nicht ein Verstehen. Verstehen als Zustand.

(Laudatio zum 70. Geburtstag von Mattias Dieterle, Oktober 2011)

Lesungen

5. Mai 2021
Zürich, Literaturfenster im Hottingersaal, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
Mit Publikum.

11. Mai 2021
Obersiggenthal, Gemeindesaal, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
Mit Publikum.

26. Mai 2021
Thun, Buchhandlung Krebser, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
Mit Publikum.

 
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