Klaglos. Kleine Schritte

zu Lorenz Langeneggers Roman «Hier im Regen»

Abgebrochenes Studium, Sachbearbeiter auf der Steuerverwaltung in Bern, 30-jährig. Verheiratet mit der 5 Jahre älteren Edith. Kinderlos. Befreundet mit Rolf, dem Kneipenwirt, der seit einer Woche vermisst wird. Ehemaliger Ziehvater von Moritz, einer Schildkröte, die am Tag des Verschwindens von Rolf starb. – Das ist Jakob Walter.
Jakob Walter liebt das einfache Leben. Aufwachen mit einer anspruchslosen Frage zum Beispiel: Wie wird das Wetter heute? Oder noch besser: Regnet es noch? – Ja oder nein. Das wäre ein einfaches Leben. Aber so ein Leben gelingt nicht.
Beim Aufstehen fragt er sich, wieso er ausgerechnet da wohnt, wo er wohnt. Eine unangenehme Frage. Eine komplexe Frage, zu beantworten nur aus der Mitte der Existenz heraus. Wo aber ist die Mitte? Der Boden, auf dem man steht? Die Lebens-Grund-Lage? Lauter Fragen, die einem das Leben auch nicht eben leichter machen. Und es ist ein Glück für Jakob, dass er sie sich nicht stellt. Seine Herausforderungen sind andere. Zum Beispiel: Wie sind drei arbeitsfreie Tage zu bewältigen, noch dazu, wenn Edith zu ihrer kranken Mutter fährt? Wie die Tage füllen – und vor allem womit, wenn in einem drin nichts ist als Leere?
Das ist denn auch Jakob Walters Problem: die Leere. Da ist nichts, worauf er zählen, sich verlassen könnte, nichts, das ihn seiner selbst versicherte. Wenn dann auch noch das gewohnte Raster der Tage entfällt und der einzige Freund verschwunden ist (man hat Rolfs Kleider am Ufer des Flusses gefunden), wird die Leere spürbar, wird all das, was fehlt, zur beklemmenden, drängenden Anwesenheit aus lauter nichts. Leere, die gefüllt sein will.
Jakob Walter jammert nicht. Jakob Walter beklagt sich nicht über sein kompliziertes Leben. Er rennt nicht davon, versucht nicht auszubrechen. Er lebt dieses Leben, weil es seines ist. Klaglos. kleine Schritte. Er fährt ins Tessin, nach Locarno. Und er fährt wieder zurück. Der Freund wird tot aus dem Wasser gezogen, sein Verschwundensein damit dauerhaft. Edith kommt nach dem Krankenpflegeaufenthalt bei ihren Eltern wieder zurück. Am Montag beginnt die neue Arbeitswoche.

«Hier im Regen» heisst das Buch des jungen Zürcher Autors Lorenz Langenegger. Und es macht den Anschein, als sei dieser Jakob Walter einer, der im Regen stehen gelassen worden ist. Einer, den das Leben vergessen hat. Ein Zukurz- und Zuspätgekommener.
Walter aber, da bin ich mir sicher, würde solche Überlegungen nicht verstehen. Er ist damit beschäftigt, durch die Tage zu kommen, würdevoll, bescheiden, wahrhaftig. Dies nimmt seine ganze Kraft in Anspruch. Ehrgeiz, das Streben nach einem anderen, besseren Leben, ist ihm fremd. Seine Konzentration gilt dem Konstanten, dem Bleibenden in seinem Leben. Umso bedrohlicher ist die Unruhe in ihm, die Leere, die gefüllt sein will, die aus ihm etwas zu machen droht, was er nicht sein will. Nicht die Leere an sich ist sein Problem, sondern die Leere, die sich nicht mehr mit sich selbst zufrieden gibt. So wird das das Selbstverständliche zur Herausforderung, wird selbst der Alltag zu einem Monster aus Verunsicherung, zu einem unhandlichen Katalog mit lauter unbeantwortbaren Fragen. Dabei möchte Walter ein von Grund auf anspruchsloser Mensch sein. Anspruchslosigkeit als Vo-raussetzung für grösstmögliche Lebenszufriedenheit. Unruhe, Wünsche nach Veränderung, Ehrgeiz aber höhlen dieses Lebenskonzept aus und stiften Unordnung. So verbietet er sich selbst den existenziellen Wunsch nach Geborgenheit und Aufgehobensein und gibt sich stattdessen zufrieden mit dem Selbstverständlichen, mit Ruhe und Ordnung. Entsprechend ist der Wiederbeginn der Arbeitsroutine nach überstandenem Wochenende für ihn ein Glück. Und die Wetterprognosen versprechen Aufhellungen.
Nein, Jakob Walter ist keiner, der im Regen steht, auch wenn es auf allen 167 Seiten dieses feinen Romans reg-net. Er ist einer, der sich mit seiner inneren Obdachlosigkeit arrangiert. Klaglos. Bescheiden. Kleine Schritte. Viel mehr ist im Leben wohl nicht zu erreichen.

Lorenz Langeneggers Buch ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Die kleinen Verstörungen des Alltags, die Irri-tationen des Unauffälligen sind der Stoff, aus dem ein grosses kleines Stück Welt gemacht ist. In ihrem Zentrum: Jakob Walter, der uns mit jeder Buchseite mehr an Herz wächst – weil er sich nicht aufdrängt. Einer, der sich in sich selbst und damit in der Welt zurechtzufinden versucht, nach bestem Wissen und Gewissen. Einer mit zwei Vornamen, der sich doch seiner Identität nicht sicher ist. Ein Mann aus Leerstellen, der uns dennoch als ganz und gar seelenhafter Mensch erscheint.
«Hier im Regen» ist ein gleichermassen unaufdringlicher wie eindringlicher Debutroman, unprätentiös, sorgfältig und präzis die Sprache. Alles Forcierte, Aufgesetzte ist diesem Roman fremd. Mit sparsam, differenziert und klug eingesetzten literarischen Mitteln schafft Langenegger eine psychologisch konsistente, ebenso abgründige wie liebenswert-schrullige Figur. Jakob Walter. Vielleicht steht dieser Mann eines Tages an derselben Bushaltestelle wie ich. Er würde nicht auffallen, mir nicht und nicht den anderen Wartenden. Aber im Bus, auf der hintersten Sitzbank, kämen wir vielleicht miteinander ins Gespräch.

(Laudatio zum Franz-Tumler-Preis 2009)

Lesungen

27. August 2020
Gottlieben, Literaturhaus Thurgau, Bodmannhaus, 20h.

9. September 2020
Hedingen ZH, Gemeindebibliothek, 20h.

12. September 2020
Wettingen, Hof im Kloster, 18.30h und 20h.
Andreas Neeser und das Stella Maris Orchestra in der Serenade «S wird nümme, wies nie gsi isch».
Kammermusik von Bach bis Mieg mit Mundarttexten von Andreas Neeser.

13. September 2020
Zofingen, OXIL, 17h.
Zusammen mit Christian Haller, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

22. September 2020
Luzern, Loge, 20h.
Mit Lisa Elsässer und Gisela Widmer.

26. September 2020
Bern, Schlachthaus Theater, ab 14h.
Soldarität mit Belarus

1.-4. Oktober 2020
Arosa, Mundartfestival

13. Oktober 2020
Suhr, Gemeindebibliothek, 19.30h.

21. Oktober 2020
Zürich, Karl der Grosse, 21h.
Das Wortlaut-Literaturfestival bei «Zürich liest».
Moderation: Gallus Frei-Tomic

22. Oktober 2020
Zürich, Quartierkultur Kreis 6, 20h.
Im Rahmen von «Zürich liest».

25. Oktober 2020
Wettingen, Aula Kantonsschule, 10.30h
Zusammen mit Claudia Storz, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

2. November 2020
Suhr, Leben Suhr, Gemeinschaftsraum Zopfmatte, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

8. November 2020
Birmenstorf, Gemeindehaus, 16h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

9. November 2020
Schöftland, Schloss, 20h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

10. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

12. November 2020
Luzern, Lesung im privaten Rahmen, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie 

13. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

 

 

5. Mai 2021
Zürich, Literaturfenster im Hottingersaal, 19.30h.

11. Mai 2021
Obersiggenthal, Gemeindesaal, 19.30h.

 
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