Tote Winkel - Leseprobe

Andreas Neeser, Tote Winkel, Auszug aus der Erzählung «Tote Winkel»:


Ich bin ein Ärgernis. Darauf habe ich lange gewartet.
Nachtbubenstreiche eines Psychopathen. So einfach dürft ihr es euch nicht machen. Ich bin vollkommen gesund. Der Randacher Bote hat nicht Recht. Ihr wollt, dass ich mich schäme. Weil ich mich freue? Das kann nicht euer Ernst sein. – Steht doch dazu: Der Schuppen neben der Käserei ist euch egal. Wer ihn geschändet hat, wollt ihr wissen. Sehr gut. Nächsten Dienstag komme ich in die Turnstunde der Männerriege; nicht, als ob nichts geschehen wäre, den Ärger will ich in euren Gesichtern sehen, den Unglauben. Das will ich aushalten dürfen. Und dann erwarte ich deinen Bericht, Fritz. Ich freue mich. Mir ist wohl in meiner Haut. Das sollt ihr sehen.
Ihr habt das Ärgernis öffentlich gemacht. Es soll auch eine öffentliche Identität haben: Fuchs Fridolin, geboren 1956 in Nebtal, aufgewachsen daselbst, seit 1981 wohnhaft in Randach, Eggweg 9, Schlosser, verheiratet mit Fuchs Eva, geb. Schlunegger, ein Sohn, Matthias, geboren 1991. Mitglied der Männerriege (12 silberne Kaffeelöffel für treuen Besuch der Turnstunden), Feuerwehr Randach (Chef Atemschutz seit 1995), Stimmenzähler bei der Ortsbürgergemeinde.
Bekanntmachung: Ich bin euer Ärgernis.
Was wollt ihr unternehmen? Fritz, du. Es ist dein Schuppen, du hast ihn zusammengezimmert, du entscheidest. Wie viele Heftklammern und Reißnägel habe ich ins Holz geschlagen? Beschädigung fremden Eigentums, das dürfte eine zünftige Geldstrafe geben. Ich würde bezahlen, natürlich, habe etwas auf die Seite gelegt. Wer sich das Recht herausnimmt, Träume zu verwirklichen, muss mit allem rechnen.
Gewöhnliche Träumer sind für euch halb so schlimm, die kann man belächeln, Fritz, nicht wahr. Turi, der Spinner! Eine Kreuzfahrt! Hat ja schon nasse Hosen, wenn er nur ans Meer denkt. Auch Müller Peters Max habt ihr lächerlich gemacht beim Bier nach der Turnstunde. Mehr als einmal. Ausgerechnet Max! Einer, der das Sumpffieber bekommt, wenn es mehr als drei Tage hintereinander regnet, will in den Urwald. Der glaubt doch, mit einem Buschmesser schneide man Hecken! – Immerhin würden ihn die Menschenfresser in Ruhe lassen. – Weil sie Menschen fressen!
Fröhliche Runden, Fritz. Ich habe geschwiegen. Gemerkt hat es keiner.
Wir sind dort, wo ihr nicht hin könnt. Wir machen dicht, wie der Hirschenwirt am Ruhetag. Mit einem Unterschied, Fritz: Träumer haben immer Betriebsferien, das ganze Jahr. Das geht euch nicht in den Kopf. Ihr lacht, draußen, aber so ein Lachen trifft uns nicht.
Ihr kennt den Zivilschutzbunker im Schachen. Es gibt wohl keinen Kommandoraum, der mit mehr Liebe fürs Detail eingerichtet worden ist. Ihr habt etwas getan dafür, dass es euch wohl ist da unten, zweimal im Jahr. Macht mal den Versuch: Bleibt nach dem nächsten Dienst allein zurück, verriegelt die Tür, holt tief Luft und schließt einen Moment lang die Augen. – So sicher sind wir. Und die Tür geht nur von innen wieder auf.
Keine Träume, Fritz? Wann hast du zu glauben begonnen, dass am Rand deines Emmentalers alles aufhört? Der Stammtisch ist eine Scheibe, währschafte alte Eiche, vielleicht eins sechzig im Durchmesser, aber die Welt ist eine große Kugel. Da lachst du. Ich sage dir: Mit der Faust auf die Welt schlagen, das braucht Mut.
Ich habe ein Leben lang gearbeitet, übernächstes Jahr feiere ich mein Dreißigjähriges bei der Meier AG. Das Gehalt hat immer gereicht für uns, ein paarmal sogar für Urlaub im Toggenburg. Auch wenn jetzt noch späte Zwillinge unterwegs sind – vielleicht bringen wir es sogar zu einem eigenen Haus. Eines mit großem Schuppen müsste es sein, Fritz, verstehst du.
Das sind die Schlimmsten, hab ich Recht? Halten sich irgendwo in ihrem durchschnittlichen Leben eine Nische frei. Am Küchentisch zwischen Gewürzstreuer, Tageszeitung und der Papiertüte mit den harten Brotresten für Nachbars Kaninchen planen sie den Ausbruch; sie träumen heimlich auf dem ausgelegenen Sofa neben Ficus und Anthurium oder am offenen Fenster. – Hören, Fritz, wie der Schnee fällt, der Geruch von frisch gewendetem Heu, Wolkenfahrten vor einem Gewitter. – Man weiß nicht, wann es so weit ist. Man arbeitet, baut an einer neuen Welt und hält sich bereit einzuziehen.
Woher nehmt ihr die Sicherheit, dass so ein Träumer sich nicht irgendwann als Revolutionär entpuppt? – Was macht ihr für ein Gesicht, wenn der Turi im nächsten Sommer seine Kreuzfahrt in der Karibik macht? Unterstelle ich euch Kleinbürger- und -bauerntum? Habt ihr am Ende gar nichts gegen Träumer?
Eure Situation ist nicht einfach. Der Täter hat sich freiwillig gestellt. Ihr könnt nicht sagen, was hier steht, sei falsch. Der Artikel im Randacher Boten beweist das Gegenteil, in jeder Zeile. Zeigt ihr Verständnis für meine Tat, macht ihr euch lächerlich. Das würde man deinem Emmentaler ansehen, Fritz. Ich freue mich auf nächsten Dienstag; sag mir dann, ob du mich anzeigen wirst. Ihr findet einen Paragraphen, bestimmt, mit dem sich Traumbauer verfolgen lassen.
Die heruntergerissenen Plakate habe ich übrigens alle aufbewahrt. Goldlotto im Hirschen, Spaghettiplausch der Landfrauen, Feldschießen, Quartalskonzert des Posaunenchors. Alles noch da. 28 Stapel bei mir in der Küche, für jede Freveltat einen. „Freveltat“ hat die Zeitung geschrieben, Fritz. Ich habe euch nichts weggenommen. Ich habe meinen Roman aufgehängt, Seite für Seite. – Wenn ihr wollt, bringe ich die Plakate auf die Gemeindekanzlei. Oder soll ich sie der Altpapiersammlung mitgeben?
Ich verstehe euren Ärger. Ungefragt aus der Durchschnittlichkeit auftauchen. Stell dir vor! Die Stillen haben still zu bleiben, da schlägst du mit der Faust auf den Eichentisch. Ihr fühlt euch hintergangen. Müsst ihr nicht. Beim Planen am Küchentisch bleibt wenig Zeit zum Reden, auf dem Sofa kann man keine Rücksicht nehmen, auf Wolkenfahrt schaut der Träumer nicht auf die andern.
Bekanntmachung: Zum Revolutionär wird man als Kind. Die Schwierigkeit besteht darin, es zu bleiben.
Mutter und Vater haben gearbeitet, meine Abende waren lang. Fernsehabende, Fritz. Unverstellte Sicht auf fernes, fremdes Gebiet. Buchseiten als Mattscheibe, Blättern von Bild zu Bild.
Nachdem die Abenteuer im Indianerland bestanden waren, machte ich mir Frau Roth von der Ausleihe der Gemeindebibliothek zur Verbündeten. Mutter kam dafür nicht in Frage. Vater auch nicht. Für beide hatte es immer nur die andern Fernsehabende gegeben. Frau Roth gab mir die Bücher mit nach Hause, die sie selbst las. Vieles, was in den dicken Bänden mit kleiner Schrift stand, begriff ich nicht. Wieder und wieder las ich, und bei jedem Besuch überhäufte ich Frau Roth mit Fragen. Möchten Sie manchmal auf dem Kopf gehen können? Was hat mein Schicksal mit dem Wind gemein? Warum braucht man beide Hände für einen Kuss? (Lach nicht, Fritz, frag deine Martha.) Was bin ich, oder wer, wenn die andern die Hölle sind? Wenn es Gott nicht gäbe, würden Sie ihn erfinden wollen? – Und wer hat deinen Emmentaler erfunden, Fritz? Siehst du. – Ich war ein Kind, aber eines verstand ich: Diese Sätze waren heiß und kalt, weit und tief waren sie.
Meinen Charme hätte ich besser bei der Lehrerin als bei Frau Roth eingesetzt. Schulbücher langweilten mich, ich war konzentriert auf die Fernnähe. Hätte mir die Schule helfen sollen, meine Bücher besser zu verstehen? In diesem Punkt täuschte sich Frau Roth, davon war ich überzeugt. Vater war stolz, dass er mit den lausigen Zeugnissen eine Lehrstelle für mich gefunden hatte. Ich dankte und wurde Schlosser, nebenberuflich. Ich wollte keine Rohre und Stahlteile zusammenschweißen, ich wollte Geschichten erfinden, Handlungsstränge schmieden, Personen zusammenlöten. So mache man das, sagte Frau Roth: die Haare von dem, den Charakter von jener, die Hände von einem Dritten, und so weiter. Einen Roman wollte ich schreiben, einen dicken Roman. Schon auf der ersten Seite würde es anfangen zu schneien, und es würde so lange nicht aufhören, bis es im hintersten Winkel still wäre.
Ein warmes Buch, Fritz.
Ich eröffnete die Traumbaustelle am Küchentisch. Zutritt verboten.
(Das ist vielleicht dein einziger Fehler gewesen, Turi: Du hast die andern auf deiner Baustelle rumtrampeln lassen. Warum hast du den Küchentisch nicht zum Zivilschutzkeller gemacht?)
Ich träumte, und ich las weiter. Zusammenlöten, leicht gesagt. Ich hatte nichts als Papier, bedruckte Seiten von Büchern, die ich nur halb verstanden hatte. So konnte nie ein tüchtiger Buchstabenschlosser aus mir werden. Unmöglich, einen Roman zustande zu bringen. Ich war gezwungen, radikal zu planen. Traumarchitektur vertrug sich nicht mit Kompromissen.
Was ich tat, dachte, fühlte: Von dem Moment an geschah alles im Hinblick auf seine Tauglichkeit für meinen Roman. Ich fiel weder auf noch ab, war ein brauchbarer Lehrling, ein anständiger Ehemann, ein unauffälliger Vater. Ich tat meine Arbeit in der Firma, war nie krank und ein zuverlässiges Vereinsmitglied. Man konnte mit mir zufrieden sein. Ich war es nicht. Keinen Satz hatte ich geschrieben, all die Jahre, nicht einen. So viele Möglichkeiten für erste Sätze. Vor einem halben Jahr brachte dann Matthias einen mit nach Hause. Ein viel versprechender Anfang, hatte der Lehrer bei der Aufsatzbesprechung gesagt. Die Luft roch nach zerplatzten Regenwürmern. Dein Schuppen, Fritz, eignet sich hervorragend für Romane, aber eben: Romane brauchen Platz. Ein Roman braucht deinen Schuppen für sich allein. 28 Plakatseiten, Fritz. Gar nicht übel geschweißt und gelötet, finde ich.
Deine prächtige Nase kommt übrigens auch vor. Sie hängt am Kopf von Treuhänder Tobler, der mit Tempo achtzig gegen einen Baum knallt. Ein Unfall. Schnee ist heimtückisch, vor allem nachts. Das sagen alle. – Und wenn man von einem Augenblick auf den andern Bilder sieht, Fritz? Wenn die Winkel hell ausgeleuchtet sind und die Augen brennen. Man bekommt Angst und kann nicht wegschauen. Tote Winkel. Was für Bilder. –
(...)

Lesungen

27. August 2020
Gottlieben, Literaturhaus Thurgau, Bodmannhaus, 20h.

9. September 2020
Hedingen ZH, Gemeindebibliothek, 20h.

12. September 2020
Wettingen, Hof im Kloster, 18.30h und 20h.
Andreas Neeser und das Stella Maris Orchestra in der Serenade «S wird nümme, wies nie gsi isch».
Kammermusik von Bach bis Mieg mit Mundarttexten von Andreas Neeser.

13. September 2020
Zofingen, OXIL, 17h.
Zusammen mit Christian Haller, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

22. September 2020
Luzern, Loge, 20h.
Mit Lisa Elsässer und Gisela Widmer.

26. September 2020
Bern, Schlachthaus Theater, ab 14h.
Soldarität mit Belarus

1.-4. Oktober 2020
Arosa, Mundartfestival

13. Oktober 2020
Suhr, Gemeindebibliothek, 19.30h.

21. Oktober 2020
Zürich, Karl der Grosse, 21h.
Das Wortlaut-Literaturfestival bei «Zürich liest».
Moderation: Gallus Frei-Tomic

22. Oktober 2020
Zürich, Quartierkultur Kreis 6, 20h.
Im Rahmen von «Zürich liest».

25. Oktober 2020
Wettingen, Aula Kantonsschule, 10.30h
Zusammen mit Claudia Storz, im Rahmen des Mundartprojekts «Hunziker2020».

2. November 2020
Suhr, Leben Suhr, Gemeinschaftsraum Zopfmatte, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

8. November 2020
Birmenstorf, Gemeindehaus, 16h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

9. November 2020
Schöftland, Schloss, 20h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie

10. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

12. November 2020
Luzern, Lesung im privaten Rahmen, 19h.
Abgesagt wegen Corona-Pandemie 

13. November 2020
Luzern, Schullesung Gymnasium

 

 

5. Mai 2021
Zürich, Literaturfenster im Hottingersaal, 19.30h.

11. Mai 2021
Obersiggenthal, Gemeindesaal, 19.30h.

 
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