Grossvater. Versuch über das Schweigen


Grossvater steht im Museum. Wann immer ich ins Tal meiner Kindheit fahre, besuche ich ihn, in S., ganz oben im Tal. Auf dem Friedhof würde ich ihn nicht finden; ich kann mich nicht erinnern, in all den Jahren seit der Beerdigung an seinem Grab gestanden zu haben. In diesem kühlen, schmucklosen Bau aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts jedoch treffen wir uns noch heute. An der sandfarbenen Fassade ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift «Weberei-Museum». Die braunen, auf Blech gemalten Lettern sind gefasst von einem strengen Rahmen, ebenfalls in brauner Farbe, Hundekotbraun. Das Schild erinnert unangenehm, aber vielleicht nicht ganz zufällig an die Todesanzeigen in der Tageszeitung. In solchen Tälern gibt es ja eigentlich gar keine Museen – und wenn, dann wird (im Gegensatz etwa zu den Wirtshäusern, die hier Hirschen oder Ochsen, Sternen oder Sonne heissen) darauf geachtet, dass sie nur für Suchende als solche erkennbar sind.

Das Webereimuseum in S. besteht aus einem einzigen, vielleicht 80 Quadratmeter grossen Raum, par-terre. Im 1. Stock wohnt der Museumsverwalter, der ausschliesslich, aber gewissenhaft den Schlüssel verwaltet. Ohne Voranmeldung kann keiner zu meinem Grossvater. Er steht am Fenster der Nordseite, eineinhalb Meter in den Raum hineinversetzt und beansprucht etwa ein Drittel der Ausstellungsfläche.
Grossvater ist ein Webstuhl.

Alles, was ich mit Grossvater verbinde, ist dieser Webstuhl. Sein ganzes Leben stand Grossvater in sei-ner Heimweberei und produzierte am Laufmeter Bänder. Tag und Nacht lief die Maschine, warf die Schiffchen hin und her im immergleichen Takt, das immergleiche Surren, der immergleiche Lärm. Am Webstuhl lernte ich schweigen. Ich habe überhaupt nicht viel gesprochen mit Grossvater. Es war nicht nötig. Wenn Grossmutter den Webstuhl übernahm und ich zusammen mit Grossvater die unzähligen Kaninchen fütterte, wenn er die Eier aus dem Hühnerstall holte, den drei Schweinen die Küchenabfälle brachte, wenn wir die Jauchegrube leerten. Was hätten wir zu bereden gehabt? Wenn einer der Männer aus dem Dorf kam, der Metzger und der Hilfsarbeiter in der Schreinerei kamen alle vier Wochen, sich im hintersten Winkel der Weberei von Grossvater die Haare schneiden liess, sass ich auf ein paar weissen oder grauen Garnspulen und schaute dem Spektakel zu. Grossvaters Weberei war der einzige Frisörsalon im Dorf. Und weil der Klatsch in der Käserei ausgetauscht wurde, gab es keine Veranlassung, während des Haareschneidens zu reden. Nachdem der Kunde gegangen war, wischte ich den schwarzen oder grau melierten Haarkranz auf dem Riemenboden zusammen, und manchmal steckte mir Grossvater den Fünfliber, den er für seine Arbeit bekommen hatte, in die Tasche. Was hätten wir reden sollen.

Grossvater lehrte mich schweigen – und verstehen in der Stille. Jahre später erst habe ich das begriffen, heute aber weiss ich, jede Sprache erschliesst sich im Schweigen. Die Bedeutung eines Wortes, der Sinn von Gesagtem, konstituiert sich in der Leerstelle. Die Essenz der Sprache liegt in einer Art offenen Stille. Da erst beginnt die Sprache zu atmen, die Stille bestimmt den Rhythmus des Verstehens. – Damit ist wenig gesagt. Wenig mehr jedenfalls als das, was im einen Wort «Reflexion» auf den Punkt gebracht ist. Das Verstehen hinkt dem Akt des Redens immer hinterher, Bedeutung geschieht zwangsläufig als ein Nachträgliches. Selbst da, wo die Sprache keinen Sinn ausserhalb ihrer selbst sucht, wird sie erst eigentlich hörbar im Schweigen. – Grossvater hat oft geschwiegen, und lang. Die Pausen zwischen seinen Sätzen beliefen sich, rechnete man sie zusammen, auf mehrere Jahre. Ein schweigsamer Mensch. Und ich habe mich in seinem Schweigen nicht nur wohl, sondern aufgehoben, von der Stille getragen gefühlt. Erst in den letzten Jahren habe ich begriffen, wie wenig selbstverständlich das war – und wie sehr diese Geborgenheit im Schweigen mein Schreiben geprägt hat. (Die Bilder! Sie kommen alle aus der Stille, auch sie!)

Wenn der Museumsverwalter den Webstuhl zu Demonstrationszwecken in Betrieb setzt und uns für ein paar Minuten allein lässt, frage ich Grossvater durch den musealen Lärm hindurch: Wie viel Schweigen erträgt ein Gespräch? Wie viele Wörter braucht es, damit das Gespräch nicht abreisst? Wie viele Wörter liegen vor dem Verstummen? – Grossvater! Er hat oft geschwiegen, und lang.

Die Schweigsamkeit bietet wohl viele Möglichkeiten der Interpretation von Gesagtem, doch genau da liegt auch ihre grösste Gefahr. Je grösser die Leerstellen, je karger die Sprachlandschaft, desto fruchtloser (desto gefährdeter jedenfalls) die Kommunikation. – Das ist es, was mich am literarischen Schreiben zunehmend interessiert. Wie viel sprachliche Information brauchen Lesende, um mit dem Text in einen echten Dialog zu treten und – im geglückten Fall – einen emotionalen oder Erkenntnis-Gewinn daraus zu ziehen. Eine verwandtschaftliche Vertrautheit oder eine Wesensverwandtschaft (wie im Fall von Grossvater und mir) kann ich nicht voraussetzen; bestenfalls eine Geneigtheit, eine Gewogenheit vonseiten der Lesenden. Die Qualität von Texten – insbesondere der kurzen Formen – zeigt sich vielleicht auch in ihrer radikalen Tendenz zur Reduktion, in der grösstmöglichen Nähe zum Verstummen. In der äussersten Schweigsamkeit, an der Grenze nicht des Sagbaren, sondern des «Zu-Sagenden» würde der Text Wort für Wort hörbar. Was er zu sagen hätte, würde bis weit in die Stille hinein klingen und ein Bedeutungsgewebe wirken – gewissermassen als unmissverständliches Angebot zum Gespräch, das ein vieldeutiges wäre.

Wer so weit käme. Wer so viel unschuldiges, ungebrochenes Vertrauen in sein Sprechen und in die Sprache hätte. – Grossvater! – Wieso sollte er etwas sagen?

(Rede anlässlich der 30. Innsbrucker Wochenendgespräche 2007)

Lesungen

5. Mai 2021
Zürich, Literaturfenster im Hottingersaal, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
Mit Publikum.

11. Mai 2021
Obersiggenthal, Gemeindesaal, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
Mit Publikum.

26. Mai 2021
Thun, Buchhandlung Krebser, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
Mit Publikum.

 
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