Planet Julius

zu Christian Zehnders Roman «Julius»

Julius ist ein Planet. Eine in sich geschlossene kleine Welt, die sich auf wunderliche Weise selbst genügt. Ent-sprechend fehlt ihm, den wir als etwa 12-Jährigen kennen lernen, jeder Antrieb, mit etwas, was auβerhalb von ihm selbst liegt, in verbindlichen Kontakt zu treten. Er wartet länger auf die Tagesschau, als er mit irgendjemandem Zeit verbringt, er liest Zeitungen, liest Romane, zu denen ihm Farben einfallen. Innerer Antrieb zur Interak-tion ist ihm fremd, seine Beschäftigungen sind nur scheinbar auf die Welt bezogen, in der er lebt; in Wirklichkeit denkt er stundenlang über sich selbst nach und nimmt in Kauf, von anderen als Träumer abgestempelt zu wer-den. Julius hat einen Schulfreund, Martin, doch die beiden teilen insgesamt wenig von dem, was man gemeinhin unter Freundschaft versteht. Julius ist dann ein guter Freund, wenn etwas von ihm verlangt wird. Bis er Martin, der in der sechsten Klasse in eine andere Stadt zieht, besucht, vergehen fünf Jahre, ohne dass er je an ihn denkt, Jahre, in denen Julius weder neue Freunde gewinnt noch sich Feinde schafft. Julius ist kein unglückliches Kind. Julius ist sein eigener Planet. Dennoch ist er ein Wartender, ohne freilich zu wissen worauf. Kein Träumer also. Planet Julius hat keine Träume. Mit unerschütterlicher Ernsthaftigkeit wartet er, so scheint es, einzig darauf zu erfahren, was zu tun sein könnte im Leben. Julius‘ Warten ist weder absichtsvoll noch ratlos, sondern, wie es scheint, frei von jeder Wertigkeit. Es ist eine Art Dämmerzustand, in dem er sich befindet (und tatsächlich gibt es nichts, was er von frühster Kindheit an besser kennt als die Dämmerung). Er zieht gleichmütig und nicht unzufrieden seine immer gleiche Bahn im Garten, und wenn er nach der Matura dann seinen Radius vergröβert, längere Spaziergänge in die Natur unternimmt, tut er auch dies nicht aus einer bestimmten Sehnsucht heraus. Seine Streifzüge sind nicht mit einem bewussten Antrieb verbunden, aber sie weiten die Dämmerung aus, verleihen ihr neue Schattierungen.
Zu dieser unbewussten Ausweitung der Umlaufbahn des Planeten Julius, zu den unspezifischen Bewegungen im Dämmer gehört auch Julius‘ Wegzug von Hause. Von seinem Freund Martin eingeladen, die Wohnung mit ihm zu teilen, und von seinen Eltern mit sanftem Nachdruck aufgefordert, das Angebot anzunehmen, verlässt Julius das Elternhaus. Und nach Wochen beginnt er sich zu freuen, nicht über oder auf etwas, vielmehr wächst in ihm eine Art undefinierte Begeisterung. Die Ablösung vom Elternhaus könnte für Julius ein Schritt ins Licht sein, in die sommerliche Helligkeit, die er so viel lieber mag als den Winter. Doch aus Planet Julius wird nicht einfach so Planet Sommer.
Spätestens jetzt wird klar, dieses feine Buch ist mitnichten ein Bildungsroman, wie es der Klappentext behauptet, sondern ein subtiler, bei aller Groβmaschigkeit des Erzählens überaus dicht gewobener, leiser und poetischer Text über den schwierigen Prozess der Ich-Werdung. So stellt sich denn Julius nach einer Auseinandersetzung mit Martin immer wieder vor den groβen Spiegel in der Wohnung und sagt: «Ich bin Julius. Was kann man tun, damit man sich noch besser kennenlernt?» – Der Spiegel gibt keine Antwort. Der gangbare Weg aus dem Däm-mer bleibt verborgen.
Julius' Fortkommen im Erwachsenenleben gleicht kleinräumigen, manchmal ausladenden Suchbewegungen. Zielgerichtet sind sie nicht. Im Gegenteil: Julius versucht vor allem eines: nicht zu stören. Und: Er tut, was man ihm sagt. Er schreibt Semesterarbeiten für Martin, bemüht sich, der Liebe zwischen Martin und Regine nicht im Weg zustehen, schlendert allein durch die Straβen der Stadt, macht erste, mehr oder weniger geglückte, vor allem aber unbeabsichtigte sexuelle Erfahrungen mit Frauen, besucht Cafés, fährt wahllos mit dem Bus. Auf einer dieser Busfahrten trifft er Jadwiga, ein junge, wohl aus Polen stammende Frau. Eine schicksalshafte, stumme Begegnung. Von da an zieht er die Frau wie einen Trabanten durch seine Gedanken und seinen Alltag. Planet Julius und Jadwiga. Wie soll einer, der seine eigene unbekannte Welt ist, sich auf ein Gegenüber einlassen können? Er sucht immer wieder ihre Nähe, als ahnte er das Licht. Ein Planet aber kann nicht aus sich heraus, auch dann nicht, wenn er eben begonnen hat, mit Warten aufzuhören, sich aktiv aus der Dämmerung heraus zu tasten. Doch jede Bewegung auf Jadwiga zu bringt neue Düsterkeit. – Planet Julius muss explodieren, sein In-nerstes muss aufbrechen, anders ist die Liebe nicht zu leben. Als spürte er diese Notwendigkeit des existenziellen Aufbruchs, steigt er ungefragt zu Jadwiga und ihrer Familie in den Urlaubsbus, der sie in ihr Heimatland bringen wird. Julius explodiert nicht, aber er bricht aus seiner Umlaufbahn aus, so scheint es, unkontrolliert, tangential. Das könnte das der Abschied von seinem bisherigen Leben sein, wie es der Klappentext verheiβt. Doch Julius kommt nur bis zur Grenze. Da steigt er aus. – Einen Tag später ist er mit Martin in der Stadt unterwegs, da erst weint er. Und da wird auch klar, wie sehr er sich nach dem Licht sehnt – und vor allem, zum ersten Mal: Was er mit dem Licht konkret verbindet, implizit und gewissermaβen stellvertretend: «Julius hörte über einer heiβen Schokolade auf zu weinen. Er zeigte von seinem wackeligen Stuhl hinaus auf ein Fuβballfeld: 'Überall, wo ich hinkomme, sind Kinder.'» Die Kinder, mit denen er sich immer wieder vergnügt hatte und die ihm Anlass für das Erinnern waren, empfindet er jetzt als lästig, da die Liebe konkret denkbar und in ihrer Unmöglichkeit schmerzvoll erfahren wird. Bei Jadwigas vermuteter Rückkehr aus dem Urlaub verpasst er sie, seine Suche nach ihr verläuft erfolglos. Und Julius, der hätte ins Leben hinaustreten können, hatte ins Leben hinaus treten wollen, geht noch am selben Abend zu seinen Eltern, legt sich in sein Kinderbett und zieht sich die Decke über den Kopf. So geht Scheitern. Planeten müssten auslaufen können, an sich ersticken, in sich zusammenfallen. Planeten aber passieren solche Dinge nicht. Planeten drehen sich weiter auf ihrer Bahn. Und um sich selbst.
Folgerichtigerweise ist nicht er es, der sich eine Stelle sucht, sondern er wird von seinen Eltern zum Bewerbungsgespräch gebracht. Was man Julius sagt, das tut er. – Und auch die Beziehung zu Caroline, der Arbeitskollegin im auf Übersetzungen spezialisierten Betrieb, sucht er nicht. Aus Mitleid und weil er ihre «Erwachsenheit» spürt, bietet er ihr Martins Zimmer an, der inzwischen mit Regine zusammenwohnt. Von dem Augenblick an jedoch, da sie bei ihm einzieht, ist Julius mit nichts anderem beschäftigt, als sie nicht zu belästigen. Es gelingt ihm, perfekt an ihr vorbei zu leben, bis der Zufall die beiden, Monate später, auf offener Straβe zusammenführt. Nicht weil er will, sondern weil er nicht anders kann, wird er in diesem Moment leidenschaftlich. Eine Amour fou, eine Liebe in der Dämmerung. Und nach einer neuerlichen Begegnung mit Jadwiga, auch dies ein Zufall, kommt es zur vielleicht erschütterndsten Szene im Text von Christian Zehnder: Planet Julius verlässt die schlafende Caroline, streunt durch die regnerische Spätsommernacht, über die Stadtgrenze hinaus – bis zu seinem Elternhaus. Was sich liest wie ein explosiver Entschluss, die intrinsische Entscheidung zur Selbstsprengung gleichsam, endet, einmal mehr, bei seinen Eltern. Wie sehr Planet Julius in sich selbst gefangen und auf seiner Bahn blockiert ist, zeigt sich im Moment des Wiedersehens mit seiner Mutter: «Als Julius sie armselig und zerknittert anschaute, richtete sie den Gartenschlauch über ihm in die Luft, so dass es noch zarter als in der Nacht auf ihn hinabregnete. Er hätte darunter weinen können oder nicht, er hätte ausweichen können, selbst den Schlauch ergreifen, vielleicht auch in einer gewissen Lautstärke schreien, ins Blumenbeet hätte er springen können – doch Julius war so frei und seine Mutter neben ihm so ruhig, dass er nach einer Weile einfach ins Haus hineinging und sie ihm später durch die halboffene Tür der Toilette frische Kleider zuwarf!» Julius ist in diesem Moment so frei wie es einer ist, dessen Optionen aufgebraucht sind. Die Situation bietet Handlungsmöglichkeiten, das Leben aber gesteht sie ihm nicht zu. Planet Julius. Und jetzt wird es Herbst, Winter, ob er will oder nicht. Dunkle Tage, schwere Tage, zumal für einen, der aus dem Dauerdämmer austreten möchte und sich nach dem Licht sehnt. Schon damals ist es Winter geworden, als er, kurz vor der Matura und ebenfalls im Spätsommer, den Gang der Jahreszeiten aufhalten wollte: «Ich will nicht, dass es Winter wird. (…) Dann wurden sie in der Nähe der Himbeeren vom Rasensprenger getroffen und standen da wie nach einem Gewitter… Einige Wochen später fanden sie, dass genau seit diesem Tag im August nicht mehr Sommer sei.» Mit dem Bild vom begossenen Julius schlieβt sich der Kreis. Die Metamorphose von Planet Julius zu Planet Sommer findet nicht statt. Noch nicht, jedenfalls. Daran ändert auch die Schlussszene nichts, in der Julius der einmal mehr zufällig aufgetauchten Jadwiga den Kopf auf die Schuler legt. Im Gegenteil: Obwohl die Sonne nämlich noch in den Kronen der Bäume funkelt, werden bereits die Straβenlampen angezündet. Ein Wiedersehen in der Dämmerung. Im Lärm der Autobahn verstehen sie einander nicht, und Julius ist «noch einen halben Schritt zu weit von ihr ent-fernt».
Planet Julius liebt und lebt weiter, ganz unromantisch, über die letzte Seite dieses klugen, unprätentiösen und zutiefst wahrhaftigen Buches hinaus. Und beides tut er gleichsam im Halbschatten des eigenen Ich.
Ein trauriges Bild ist das nicht.
Und dennoch möchte man Julius heimlich ein paar Streichhölzer zustecken.

(Jurybeitrag anlässlich des Franz-Tumler-Preises 2011)

Lesungen

5. Mai 2021
Zürich, Literaturfenster im Hottingersaal, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
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11. Mai 2021
Obersiggenthal, Gemeindesaal, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
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26. Mai 2021
Thun, Buchhandlung Krebser, 19.30h.
Die Veranstaltung findet vor Ort statt.
Mit Publikum.

 
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